Meine Ideen zu Ernährung und Krebs; Teil 1: Genuss und Empowerment als Basis für eine gesunde Ernährungs- und Lebensweise

Dieser Artikel ist der Start auf meinem Blog mich Mal zum riesigen Thema Ernährung zu äußern. Ernährung ist ja wirklich ein Thema bei dem mensch nicht weiß, was man glauben oder wo man starten soll. Tausende Bücher und Ratgeber und Ernährungscoachs sagen uns, wie es „richtig“ ist.

Ich beschäftige mich seit circa 8 Jahren sehr intensiv damit und habe einiges an persönlichen Reflexionsprozessen angesammelt. Ich bin kein Ernährungsberater und habe nicht den Anspruch dir oder sonst wem, irgendetwas zu erklären oder zu zeigen, wie es „richtig“ geht. So wie auch bei anderen Artikeln, möchte ich meinen eigenen Reflexionsprozess und Gedanken teilen. Ernährung hat auch sehr viel mit Identität, sozialem Milieu /Klasse, Zugehörigkeit und Abgrenzung und natürlich mit unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem, mit der Nahrungsmittel- und Wellnessindustrie zu tun.

Das Thema Ernährung werde ich in mehreren Artikeln bearbeiten. Ich werde neben diesem einführenden Artikels, auch zu diesen Themen schreiben:

  • Achtsamkeit und Essen
  • Ernährung und Krebs, die „China Study“, Zusammenhang von Krebserkrankungen und Lebensstil, pflanzenbasierte Ernährung
  • Nahrungsmittel und Nahrungszubereitung/Kochen aus ganzheitlicher Perspektive, Ernährung als Medizin, traditionell chinesische Medizin, Ayurveda
  • Bedeutung der Darmflora und Giulia Enders Buch „Darm mit Charme“
  • Das Thema Darmsanierung nach Chemotherapie, Zucker & Candida
  • Intermittierendes Fasten

Aber nun starten wir mal mit den Themen dieses Artikels:

Meine (Um-)wege zum Thema Ernährung – von zwanghaftem Verhalten und Angst, hin zu mehr Genuss und Lebensfreude

Durch einen Freund wurde ich vor drei Wochen auf den Podcast „Sex get’s real“ von Serra Dawn aufmerksam gemacht. Serra Dawn arbeitet als Sex- und Beziehungscoach in Nordamerika und bringt seit mehreren Jahren einen Podcast zu Themen rund um Sexualität, Lust, Körperbejahung und Befreiung heraus. Vor ein paar Wochen gab es eine Sendung mit der Anti-Diät-Diätologin Christy Harrison. Sie sprach viel über intuitives Essen, Genuss und Essen, sowie darüber, wie die Diät- und die Wellnessindustrie momentan Millardengewinne einfahren und von unseren gestörten Beziehungen mit unseren Körpern, profitieren.

Es geht auch viel um die strukturelle Diskriminierung von dicken Menschen, und wie die Idee Dünn-Sein wäre moralisch, gut und erfolgreich zu Gewalt und Ausgrenzung von dickeren/fülligen Körpern führt, und wie diese Ideale mit der Industrialisierung und kolonialistischen Ideen weißer Vorherrschaft zu tun haben.
Ich kann den Podcast für alle englisch-verstehenden Menschen wirklich nur empfehlen. Ich finde ihn absolut großartig und durch das Zuhören, habe ich sehr stark über mein eigenes Verhältnis zu Ernährung und Genuss nachgedacht.

Eine zentrale Botschaft, die stark bei mir eingeschlagen hat war, dass Christy Harrisson meinte, dass ein großer Anteil der Bevölkerung ein gestörtes Verhältnis zu Essen entwickelt hat. Ein kleinerer Anteil fällt in die Kategorie einer diagnostizierbaren Essstörung. Ein großer Teil erfüllt diese diagnostischen Kriterien zwar nicht, das heißt aber nicht, dass ein gesundes Essverhalten vorliegt. Sie bezieht sich, soweit ich es verstehe, vorrangig auf Diäten mit dem Ziel abzunehmen und weniger auf medizinische Diäten, die zur Behandlung einer Erkrankung gemacht werden. Jedoch kann man das denke ich oft auch nicht so scharf trennen und ihr Punkt ist jedenfalls,dass die meisten von uns von den Imperativen der Diät-Kultur und Schönheitsidealen betroffen sind.

Das hat mich sehr zum Nachdenken gebracht. Ich habe für mich erkannt, dass ich mein Essverhalten bevor ich, mit Ende 27 an Stadium 3 Hodenkrebs diagnostiziert wurde, mit meinem heutigen Wissen, auch als gestört bezeichnen würde. Ich war viele Jahre total zwanghaft und ständig damit beschäftigt, mich „gesund“ zu ernähren. Ich habe mich acht Jahre vegetarisch ernährt und phasenweise vegan, nur vollwertig, zuckerfrei, oder ohne dies und ohne jenes. Dies war für mich oft enormer Stress, da ich das nicht von einem inneren sicheren Ort von Selbstliebe und Selbstfürsorge, sondern aus Angst und Leistungs- und Optimierungsdruck heraus gemacht habe.
Natürlich habe ich es oft nicht geschafft meine Vorhaben so strikt durchzuziehen, wie ich das vor hatte. Wenn ich Zucker und Süßes komplett vermeiden wollte, bin ich immer wieder fahrig sonntags zur Bäckerei und habe drei Mal so viel Donuts, Krapfen oder sonstiges Zeug gekauft, wie ich sonst gegessen hätte. Christy Harrison bezeichnet, dass auch als Pendel. Je stärker wir uns krampfhaft versuchen etwas zu verbieten und Wünsche und Sehnsüchte unterdrücken, desto stärker schlägt das Pendel, dann in die andere Richtung und wir stopfen uns mit, was auch immer es ist, voll.

Als ich dann so schwer an Krebs erkrankt bin, dachte ich mir natürlich, wie das passieren konnte, wo ich mich doch überwiegend vollwertig und so gesund ernährt habe. Ich habe für mich durch die Krebserkrankung erkannt, dass mein zwanghaftes Verhalten viel mehr Stress erzeugt hat, als dass es mir und meinem Körper gedient hat. „Gesund Essen“ hatte zwar noch immer einen total großen Stellenwert, aber ich habe gelernt, dass es von einer genussvollen, lebensbejahenden innerer Haltung heraus kommen muss.

Anita Moorjani oder Schokolade essen

Während meiner Erkrankung bin ich auf die Geschichte einer Frau gestoßen, an ihrem vermeintlichen Todesbett im Krankenhaus, eine Nahtod Erfahrung gemacht hat. In der Folge dieser Erfahrung ist sie von Stadium 4 Lymphdrüsenkrebs innerhalb weniger Wochen geheilt, ohne das ohne schulmedizinischer Krebstherapie. Es ist wie eine kleine Wundergeschichte, die Ärzt_innen ohne Erklärung und sprachlos zurück lassen.

Es handelt sich um Anita Moorjani, die ihre Lebensgeschichte in dem Buch „Dying, to be me“ aufgeschrieben hat. Das Buch wurde ein Bestseller. Durch ihre Nahtoderfahrung hat sie erkannt, dass wir alle Teil von „bedingungslose Liebe“ oder wie auch immer mensch es bezeichnet, sind. Anita Moorjani war eine Zeitlang unglaublich wichtig für mich und ich werde noch einen anderen Artikel über sie und meine Auseinandersetzung mit Tod schreiben.
An dieser Stelle erwähne ich sie, weil sie in einem Interview, das ich gerade leider nicht finde, darüber spricht, was sie für Krebskranke oder andere Menschen wichtig findet zu wissen. Ihre Antwort war so etwas wie „Eat a lot of chocolate, and enjoy it“. Also „Esst viel Schokolade und genießt es“. Sie betont, dann wie wichtig es ist, mit sich selbst sanft und freundlich zu sein, das Leben und die Augenblicke zu genießen und Freude und lustvolle Momente zu empfinden. Anita Moorjani sprach darüber, wie sie (eben genauso wie ich) jahrelang total zwanghaft im Bezug auf Essen war. Ständig im Stress und in Sorge nicht gesund genug zu essen, ständig in der Angst und logischerweise ohne viel Genuß oder Lebensfreude.

Auch aufgrund dieser Erfahrung von ihr, habe ich mich ihr und ihrer Geschichte sehr verbunden gefühlt. Es gab also noch eine Person, die Krebs überlebt hat, die aus einem Bemühen heraus, alles „richtig“ beim Thema Ernährung zu machen, dann trotzdem sehr krank wird und nun mit viel mehr Genuss und Freude isst.

Wo stehe ich heute? Ein Versuch Ernährung als Medizin einzusetzen und Frieden mit meinem Körper zu schließen

Beim Nachdenken fällt mir auf, dass Selbst- und Fremdwahrnehmung wahrscheinlich hier wieder sehr auseinanderklaffen. Ich nehme mich selbst so wahr, dass ich mit viel mehr Freude und Leichtigkeit esse und versuche zu essen, worauf ich Lust habe. Allerdings habe ich im Herbst letzten Jahres meine Ernährung nochmal ziemlich umgestellt, sodass es mir gar nicht mehr auffällt, dass ich ganz viele Dinge nicht esse. Andererseits bin ich in dieser grundlegenden Diät auch flexible und auf meiner Reise in Südost Asien diesen Winter, habe ich mich nie genau daran gehalten, da ich nicht dauerd mit Nachdenken über Essen beschäftigt sein wollte.

Insofern bin ich vielleicht laut Christy Harrison noch immer voll ein Opfer der Diät- -industrie. Auf der anderen Seite kann ja auch nur ich die Autorität für mein Ess- verhalten übernehmen und in meiner Situation das tun, was ich gerade für richtig halte. Ich habe nunmal einen Hintergrund mit Krebs- und Chemotherapie, was gerade auch auf den Darm natürlich negative Konsequenzen hat. Ich werde noch genauer auch schreiben, wie ich gerade eine möglichst Hefe und zuckerfreie Diät mit Intervall-Fasten einzuhalten versuche, um meine Darmflora wieder mehr ins Gleichgewicht zu bringen.

Jedenfalls fühle ich mich durch diesen Zugang in zwei Dingen sehr bestärkt:

Erstens sehe ich Essen als Lust und Genussgewinn. Ich liebe es einfach zu kochen. Kochen ist für mich eine zentrale Säule meiner Selbstfürsorge-Praxis. Ich liebe es neue Rezepte auszuprobieren, gute Zutaten einzukaufen und merke, wie gut ich mich fühle, mich selber mit Essen zu versorgen, das mir schmeckt, schön aussieht und nahrhaft ist. Mehr darüber werde ich auch im nächsten Artikel zum Thema Achtsamkeit und Essen schreiben.

Zweitens sehen und anerkenne ich nun mehr, dass ich Essen auch dazu verwende, mich zu beruhigen und mit unerfüllten Bedürfnisse umzugehen und den Schmerz daraus abzumildern. Und das ist okay!  Gerade momentan in der Isolation wegen Corona merke ich extrem, wie mir Berührung fehlt. Ich wohne allein und habe ganz viele unterstützende soziale Kontakte, aber seit drei Wochen eben keinerlei körperliche Nähe. Das macht in mir eine riesige Leere und ist einfach ein unerfülltes Grundbedürfnis. Ich erkenne momentan an, dass das meine Realität ist und ich da momentan auch wenig Handlungsspielraum habe. In dieser Situation merke ich, wie ich einfach ein größeres Bedürfnis und Sehnsucht nach Süßem und Kuchen habe. Und ich habe beschlossen, diesem nachzugeben. Ich habe die letzten Woche zum ersten Mal ausprobiert „gesund“ zu backen, z.B. Rohe Schokobrownies mit Kakao-glasur, Brownies aus Kürbis oder hefefreie Zimtschnecken. Dabei verwendete ich auch Datteln, Ahornsirup oder Kokosblütenzucker als Süßungsmittel, was der zuckerfreien Diät natürlich widerspricht. Und ich kann nur sagen, dass ich mich total bestärkt fühle, da jetzt drauf zu scheißen. Durch den Podcast habe ich mehr erkannt, dass wie ich das ja sonst auch sehe, alle Anteile in mir ja zusammengehören. Essen hat eben neben Genuss, auch mit Besänftigen und Beruhigen zu tun, und nicht nur der Aufnahme von Nahrung. Lange Zeit sah ich das als negativ an. Jetzt bin ich viel milder mit mir, auch da ich mich viel mehr mit Trauma und den gesellschaftlichen Bedingungen auseinandergesetzt haben, die mir das Leben oft schwer machen. Ich habe wie die meisten Traumata aus meiner Entwicklung hervorgetragen (neben demkleinen Trauma Stadium 3 Krebs zu überleben). Die Corona Situation macht sehr viel mit meinem System, ich habe unerfüllte emotionale und körperliche Bedürfnisse und mein Körper versucht ganz natürlich, diese zu besänftigen und irgendwie mit der Situation klar zu kommen.

Bild zeigt einen Teller mit Zimtschnecken Ich glaube, was gerade so viel Frieden in mir macht, ist die Erkenntnis, dass mein und unsere Körper von Natur aus Genuss, Freude und Lust suchen und sich danach sehen. Es ist also keine „Schwäche“ es nicht zu schaffen auf Zucker zu verzichten, sondern es ist ein normaler körperlicher Zustand, der aus unserer Evolution heraus rührt.
Jedenfalls fand ich mich sehr in dieser friedvollen Haltung wieder, dass es total okay ist fettig und zuckerhaltig essen zu wollen, genauso wie es okay ist, masturbieren, Porno zu schauen oder Sex haben zu wollen. Es ist einfach eine menschiche-natürliche Konstitution. Es heißt ja nicht, dass wir jedem Impuls nachgeben müssen, wenn wir uns für gesunde Nahrungsmittel oder einen begrenzten oder gegen Porno-konsum entscheiden.

Es nimmt so viel Stress für mich heraus, anzuerkennen, dass das Verlangen da ist, und dass dieses einen natürlichen Zweck erfüllt und mit mir nichts falsch ist. Diätregeln bringen für mich immer auch viel Scham mit sich. Wenn ich mir das Ziel setze, nichts Süßes zu essen, und es dann nicht schaffe, schäme ich mich und werte mich ab. Ich versuche momentan, mich irgendwie ganz langsam Schritt für Schritt aus dieser negativen Spirale zu lösen und trotzdem meinen Weg von gesunder Ernährung zu gehen.

Christy Harrison hat so viel Spannendes zu erzählen. Am Liebsten würde ich einfach das ganze Interview-Transkript in diesen Blogeintrag posten, aber ihr könnt den Podcast auf Englisch eh ganz einfach nachhören, ich habe ihn unten bei den Ressourcen verlinkt. Ein  Statement, das ich in meinem Text schon beschrieben habe ,möchte ich hier nochmals hervorheben:

„It is still okay to choose not to do something, that we feel is harming us. But it is key to acknowledge the fact the the wanting is there. It is there because we have a natural and good drive for pleasure, for joy, for connection, for community, for warmth. If we lack that, we try to get it from other sources that might aren’t so good for us. But it is important to acknowledge, that there is nothing wrong or bad in us because we want to eat a whole bar of chocolate or because we want to watch porn for long time. It is just a natural strive for pleasure. Then the question becomes, how do we build a live, so that we receive a lot of pleasure from many sources, so we are not so starved, that we need to fill it all up with food.”

Der letzte Satz ist eigentlich eine der zentralen Botschaften für mich und ein ganz gutes Schlusswort für heute: Wie können wir unser Leben so gestalten, dass wir aus verschiedensten Quellen Lust und Genuss in Fülle schöpfen können, sodass wir nicht so ausgehungert sind, dass wir das alles mit Essen versuchen müssen, aufzufüllen?

Was denkt ihr denn über den Artikel, Anti-Diät, intuitives Essen und Lust und Genuss als Selbstfürsorge? Vielleicht habt ihr ja auch Lust in den podcast reinzuhören oder das Buch „Anti-Diet“. Reclaim your time, money, wellbeing and happiness through intuitive eating.“ zu lesen. Ich habe es auf audible heruntergeladen und in die ersten Kapitel hineingehört. Habt ihr auch Tipps zu deutschsprachigen Anti-Diät Diätolog_innen und Material? Das wäre total hilfreich, damit ich auch deutschsprachiges Material ansehen und verlinken kann!

Die beiden Photos oben im Artikel habe ich übrigens ausgewählt, um den „positiv“ Bias von sozialen Medien zu durchbrechen. Ich liebe es Gemüse aus dem Bioladen so anzurichten. Gleichzeitig wollte ich zeigen, dass viel zu kochen, eben auch bedeutet, ständig viel Geschirr zum Abwaschen zu haben und es oft in der Küche dann eben so bei mir aussieht 😉 Ich wünsche in diesem Sinne Guten Appetit!

Ressourcen

christyharrison.com EN
Homepage der Autorin mit Informationen zum Buch in ihren (über 230 Episoden zählenden) Podcast „Food Psych“

www.dawnserra.com EN
Homepage der Sex und Beziehungscoach Sawn Serra
Podcast Episode 296 und 297 mit Christy Harrison

anitamoorjani.com EN
Homepage der Krebsüberlebenden Anita Moorjani


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