Wie fühlt es sich an einen Blog über die eigene Krebserfahrung zu schreiben? Teil 2: Das Hochstapler-Syndrom, Michelle Obama, Ericka Hart oder was ich von Schwarzen Frauen über Selbstwert und Sichtbarkeit gelernt habe!

Bild zeigt einen Sandstrand mit dem Buch "Becoming" von Michelle Obama

In diesem Blog gibt es ja verschiedene Kategorien von Texten, zu konkreten Ressourcen, spirituellen Erkenntnissen, meiner Geschichte und auch wie hier auch Texte mit Reflexionen darüber, wie es für mich so ist, diesen Blog zu schreiben.

Schon vor zwei Jahren habe ich in einem ersten Teil dieses Artikels darüber reflektiert, wie ich mich fühle, wenn ich sehr persönliche Dinge verarbeite und mit der ganzen Welt teile. Dabei habe ich ein paar Ideen von der amerikanischen Autorin Brené Brown zum Thema Vulnerabilität / Verletzlichkeit eingearbeitet.

In diesem Artikel möchte ich über etwas schreiben, dass ein großes Thema für mich ist, nämlich das sogenannte Hoch-Stapler Syndrom (engl. „Impostor Syndrome“). Dazu wurde ich von Michelle Obama und ihrem Buch „Becoming“ inspiriert. Ebenso möchte ich mit Euch teilen, wie die schwarze queere Brustkrebs-überlebende New Yorkerin Ericka Hart mich dazu inspiriert, meinen Blog neu aufzusetzen und mich mit meiner Queerness darin stärker zu positionieren. Los geht’s:

Das Hochstapler-Syndrom oder der Gedanke „Ich hoffe mein Bluff fliegt nicht auf“

Das Hochstapler Syndrom (englisch „Impostore syndrom“) beschreibt die Schwierigkeit an sich selbst und die eigenen Leistungen zu glauben. In einem Artikel auf karrierebibel.de finde ich mich im folgenden Satz zu Menschen mit Impostore Sysdrom wieder: „Sie halten sich – völlig zu Unrecht – für Betrüger oder Hochstapler und fürchten, ihr vermeintlicher Bluff könnte schon bald auffliegen“.

Seit ich mich erinnern kann, habe ich mich in fast allen Arbeitssituationen so gefühlt. Ich habe beispielsweise ständig gedacht, dass ich eigentlich gar nicht kompetent genug für diese oder jene Stelle wäre. Ich hatte Angst, dass dieser „Betrug“ irgendwann auffliegen wird, die anderen Teammitglieder mich enttarnen und entdecken werden, dass ich ja eigentlich gar nichts kann und drauf habe usw.
Tatsächlich hat das dann dazu geführt, dass ich mich immer sehr angestrengt und genau eingearbeitet habe, in meiner Freizeit und am Wochenende extra viel gelesen und Fortbildungen besucht habe usw. In Wirklichkeit habe ich auch immer sehr viel positives Feedback in meinen Arbeitssituationen bekommen. Aber wie du dir vorstellen kannst, ist es natürlich sehr stressig, ständig in einer Angst zu leben, nicht gut genug zu sein.

Für das Hochstapler-Sydrom gibt es sicher auch viele Erklärungen in frühkindlichen Prägungen, wie z.B. wenn man in einem Elternhaus aufwächst in dem Leistungsdruck ein großes Thema ist und Kinder lernen, sich Beachtung und Wertschätzung durch Leistung erst verdienen zu müssen. Dazu habe ich schon in diesem Artikel im Zusammenhang mit Stress reflektiert. In diesem Beitrag soll es aber um die gesellschaftliche Komponente gehen.

Michelle Obama’s Buch „Becoming“ oder Lernen auf die eigene Kraft zu vertrauen

Ich weiß gar nicht mehr wie es dazu kam, dass ich Ende Januar diesen Jahres, als ich in einer Buchhandlung in einer gekühlten Shopping-Mall in Kuala Lumpur stand, mir die Autobiographie „Becoming“der ehemaligen First Lady der USA gekauft habe. Vielleicht lag es einfach am Cover des Buches, aufdem Michelle Obama ich einfach „fabolous“, stark und selbstbewusst aussieht. Das Bild zu diesem Beitrag, habe ich auf einem indonesischen Strand, an dem ich im Februar diesen Jahres noch war, gemacht. An diesem schönen Ort, habe es innerhalb einer Woche verschlungen und mir über mich und die Welt viele Gedanken dazu gemacht.

Ich wusste gar nicht so viel über sie und bin ins Staunen geraten, als ich las, dass sie in einer klassischen Arbeiter_innenfamilie in einem armen Stadtteil in Chicago aufgewachsen ist. Sie hat sich als Arbeiterkind hochgearbeitet und hatte mehrere wichtige Funktionen innerhalb der Stadtverwaltung von Chicago inne, bis hin zu ihren acht Jahres als First-Lady, in denen sie auch sehr gesellschaftspolitisch aktiv war. Sie hat sich immer wieder lautstark für Mädchen und Frauen eingesetzt und durch ihr Engagement sehr viele Menschen bestärkt.

Ich habe erst beim Lesen ihres Buchs noch mehr verstanden, was für ein außergewöhnliches Präsidentenduo Barack Obama sie waren. Die meisten Präsidenten der USA stammten ja auch mächtigen Familienclans oder Dynastien, so wie die Kennedys, Clintons oder Bushs. Familien, die seit langer Zeit reich und in extrem einflussreichen Positionen sind. Es war spannend darüber zu reflektieren, wie trotz unserer Demokratie, in der alle Menschen vermeintlich gleich sind, Machtpositionen immer und immer wieder von einem kleinen Zirkel von Menschen/ Eliten ausgefüllt werden.

Jedenfalls habe ich etwas Fundamentales über das Hochstapler Syndrom durch Michelle Obama verstanden. Sie bringt die soziale Positionierung als strukturelle Barriere und als großen Einflussfaktor, für das Gefühl nicht genug, bzw. in (einflussreichen) Positionen am falschen Ort zu sein. Sie, als Schwarze Frau, war in Geschäftsmeetings, Teams oder Gremien oft die einzige Frau, die einzige Schwarze Person, und noch öfter die einzige Schwarze Frau. Sie hat sich oft fehl am Platz gefühlt, sich klein gemacht und den inneren Druck gespürt, sich noch mehr behaupten zu müssen, als ihre weißen / männlichen Kollegen. Dies ist ja ein Phänomen, welches viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte, Schwarze Menschen / people of colour oder Menschen, die von Rassismus betroffen sind, aber auch andere Minderheiten kennen. Sie müssen immer noch mehr leisten, um als kompetent wahrgenommen und anerkannt zu werden, da es so viele negative Bilder und Vorurteile über nicht-weiße Menschen in unserer strukturell rassistischen Gesellschaft gibt.

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Michelle Obama hat irgendwann entdeckt, dass ihr Gefühl überhaupt nicht mit der Realität übereinstimmt. Ihre weißen, und männlichen Kollegen waren keineswegs  weiser, kompetenter oder erfahrener als sie. Sie haben nur mehr Selbstbewusstsein und empfinden es eher als selbstverständlich an einem Board-Meeting oder in einer Leitungsfunktion zu sitzen. Irgendwann hat sie begonnen zu verstehen, dass mit ihr nichts falsch ist und sie in keinster Weise weniger kompetent ist. Ganz im Gegenteil, sagt sie auch, dass es ganz viele Menschen an einflussreichen Positionen gibt, die dort überhaupt nicht hingehören. Sie sind nur ganz selbstverständlich mit dem Selbstbild aufgewachsen, dass ihr Platz, ihre Rolle in der Welt, in einer Führungsposition ist.

In einem Video spricht sie zu Absolvent_innen einer Universität darüber, wie die strukturelle Benachteiligung das Klein-Halten und das HOch-stapler Sydrom vorallem bei Schwarzen Amerikaner_Innen wie eine selbst erfüllende Prophezeiung zementiert. Sie sagt: „I’ve been at every power table there is—I’ve been on the world stage… I’ve met national security advisers, generals, former First Ladies, former Presidents, all amazing, talented people. But no better, no smarter, no more worthy, no more capable, no more deserving than me. You’re deserving and worthy—I’ve seen it.“
Auf deutsch würde ich es so übersetzen: Ich war bei allen möglichen Zusammenkünften von mächtigen Menschen. Ich war auf der Bühne der Welt. Ich habe Sicherheitsberater_innen, Generäle, ehemalige First Ladies, ehemalige Präsidenten kennengelernt. Die waren alle tolle, talentierte Menschen, aber sie waren nicht besser, nicht intelligenter, nicht mehr wert, nicht kompetenter als ich und haben [es] nicht mehr verdient. Ihr seid es wert und ihr habt [es] verdient. Das sehe ich“.

Ericka Hart’s Oben Ohne Aktivismus und Repräsentation von Queerness

Im letzten Jahr habe ich eine lange Zeit gar nicht an meinem Blog gearbeitet. Ich war so ausgelastet meine Geldarbeit irgendwie hinzubekommen und eine Wohnung in Berlin zu finden, dass ich einfach keinerlei Ressourcen zum Schreiben hatte. Gleichzeitig hatte ich viele negative Gedanken. Ich fand auf meiner Webseite selbst so viele Fehler und Dinge, die ich anders gestalten wollte, und wie unendlich viel Arbeit das wäre. Dann dachte ich wiedermal, dass es doch niemanden interessiert, was die tausendste Person über ihre Krebs-überlebens-geschichte schreibt, sowieso alles schon gesagt ist, und was das denn eigentlich alles bringen soll. Kurzum ich steckte bis zum Hals im Sumpf von Scham und im Hoch-Stapler-Syndrom.

Letzten Sommer kam es dann zu einem Punkt, an dem ich mich fragte, wie ich eigentlich leben würde, wenn ich wieder ein Rezidiv, also wieder Krebs hätte. Ich habe mir vorgestellt, was ich noch alles erleben oder hervorbringen wollen würde, wenn ich nur mehr ein Jahr beispielsweise Lebenszeit hätte. An so einem Punkt war ich ja durch meine Geschichte auch ganz real schon Mal. Und da ist mir die Antwort sehr klar gekommen. Ich habe eine spezielle Geschichte und ich möchte diese erzählen. Die Geschichte eines schwulen queeren, hochsensiblen, feministischen spiritueller jungen Menschen, der metastasierten Hodentumor im Stadium 3C überlebt hat und nun mit dieser Erfahrung sein Leben im freien und wilden Berlin erforscht.

Beim Lesen von Michelle Obama’s Buch ist mir wieder mal aufgefallen, dass ich einerseits sehr privilegiert bin. Durch meine Sozialisation als weißer (Cis-)mann in einem Akademikerfamilie mit finanziellen Ressourcen, fällt es mir wahrscheinlich viel selbstverständlicher so ein Blog-Projekt zu startet, als anderen Menschen. Ich habe Spielraum und emotionale Freiheit, da ich beispielsweise weiß, dass meine Eltern  mich finanziell unterstützen würden und können, wäre es mal notwendig. Ich habe von klein auf das Selbstverständnis aufgesogen, dass ich mir Wissen aneignen und verarbeiten kann und dass es mir leicht fällt, dieses auch aufzubereiten zu vermitteln. Dies ist ein Privileg, über das ich seltennachdenke, welches aber tatsächlich ein Privileg ist.

Andererseits ist in mir aber eben auch dieser tiefe Zweifel und eine Angst vor Kritik, Abwertung. Ich habe mich dann zurückerinnert, warum ich eigentlich dieses Blog-projekt begonnen habe. Ich habe einfach sehr wenige Informationen von jungen (Hoden-)krebspatienten gefunden, in denen ich mich wiederfand und noch weniger Informationen, die bestärkend und Ressourcen-orientiert waren.

Ich bin aber vor mehr als einem Jahr schon auf die Geschichte von Ericka Hart, einer Schwarzen, queeren New Yorkerin gestoßen, die Brustkrebs überlebt hat. Sie ist „sex educator“, also Sexualpädagogin bzw. in der sexuellen Bildung tätig, queer, feministisch, intersektional und setzt sich für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung schwarzer Menschen ein. Wir haben einige Ähnlichkeiten. Ich war auch lange in der sexuellen Bildung und queerer Antidiskriminierungs-arbeit tätig. Aktivismus und Bewegungen für sozialer Gerechtigkeit sind mich wichtig und waren in großem Maß identitätsstiftend für mich. Ericka Hart hat sich in vielen Berichten zu Brustkrebs-überlebenden, nicht wiedergefunden, da diese meistens weiß und heteronormativ sind. Gleichzeitig fand sie, dass das Thema Krebs in ihrem Umfeld wenig präsent war. Sie hat dann ihren „Top-less activism“ gestartet und auf manchen Veranstaltungen und ihrem Instagram Profil ihrer Brüste gezeigt, die anstelle von Brustwarzen, zwei große Narben zeigen. Damit ist sie sehr bekannt geworden.

In diesem kurzen Interview für Cosmopolitan erzählt sie: „So a lot of my topless activism is not just to show my breast cancer scars, it’s also to place myself in a narrative, where I’m often times erased“. Meine Übersetzung: „Bei meinem „Oben ohne“ Aktivismus geht es nicht nur darum meine Brustkrebs Narben zu zeigen, es geht darum mich in einer Erzählung einzuklinken, in der ich oftmals ausgeblendet werde.“  Sie spricht sehr viel über Diskriminierungserfahrungen, strukturellen Rassismus und wie sie sich von Vorstellungen über Körpern und Schönheitsidealen gelöst hat. Sie wurde dann zu vielen Podien und Interviews eingeladen und arbeitet nun neben ihrem Grundberuf als Sexualpädagogin, auch als public Speaker und gestaltet einen eigenen Podcast.

Ich weiß noch genau, wie berührt und inspiriert ich von ihrer Geschichte war. Es hat mir auch viele Anregungen für mein Intro-video zu meinem Blog gegeben. In den drei Minuten ihres Videos spricht Ericka Hart so viele Themen an, die auch mich beschäftigen. Beispielsweise die grundlegende Haltung vieler Ärzt_innen, die queere Menschen nicht mitdenkt, die fehlende Diversität in Medien zum Thema Krebs , das Gefühl, dass es bei Patienten mit Hodentumoren, immer um cis geschlechtliche und heterosexuelle Männlichkeit geht. Das Gefühl von Ermüdung und Anstrengung, als hochsensibler Mensch, mit dem Zeitmangel im Gesundheitssystem und ruppigen Verhalten und Empathielosigkeit mancher Ärzt_innen, klar kommen zu müssen. Beim Lesen einer Broschüren zum Thema Krebs und Sexualität, zu realisieren, dass der Text nur und ausschließlich für heterosexuelle Menschen, die in einer Beziehung leben, geschrieben ist. Die Kraft die es kostet, den lächerlich machenden Blicken von Ärzten standzuhalten, wenn sie sehen, dass ich „spirituelle“ Bücher über Heilung zum Lesen dabei habe. Die Liste liese sich lange noch erweitern.

Erika Harts Geschichte und ihre Energie haben mich jedenfalls bestärkt, mich selbst mit allen meinen Anteilen mehr zu zeigen. Irgendwie kam in diesem Monat auch die perfekte Gelegenheit dazu. Heute hatte ich ein Telefon-Interview mit einem Journalisten, der mich zu meinen Erfahrungen als junger Mensch mit Krebsgeschichte für einen Beitrag in „die Zeit“, interviewt hat. Der Artikel wird in einem Sonder Heft zum Thema Krebs am 20.Mai 2020 erscheinen.

Bild zeigt mich mit Ledergeschirr und Alpenrock auf der Regenbogenparadein Wien
Bild von der Regenbogen Parade in Wien 2019.

Ich bin gerade dabei, meinen Blog überarbeiten und neu aufzusetzen und mich darin stärker und mehr mit meinen vielfältigen Anteilen zeigen. Nämlich als schwulen, queeren, feministischen, sex-positiven, kink-interessierten, kuschel-afinen, spirituellen, hochsensibl-empathischen, introvertierten, politischen, Selbstfürsorge-Aktivisten Anfang 30, der auf seinem Heilungsweg ins freie und wilde Berlin umgezogen ist und das Leben und sexuelle Möglichkeitsräume erforscht.

Das Schreiben an diesem Blog ist für mich selbst heilsam und ich möchte meine Möglichkeit der Mitgestaltung an der öffentlichen Diskussion um Krebs, Sexualität, Querness und Heilung stärken und meiner Stimme mehr Gehör verschaffen. Mehr zu meinem Empowerment Prozess, könnt ihr im nächsten Artikel nachlesen, indem ich meinen Identitätsanteil als hochsensibler Mensch ausführlicher behandeln werde!

Bis dahin bedanke ich mich für das Lesen und wünsche viel Kraft und Mut für diese körperlich-isolierten aber virtuell verbundenen Zeiten!

Ressourcen

Homepage zum Buch „Becoming“ EN

Michelle Obama über das „Impostor syndrome“ EN

Artikel auf karrierebibel.de zum Hochstapler-Syndrom

Artikel in „die Zeit“ zu Becoming

Homepage Ericka Hart EN

Video Cosmopolitain „I am beautiful“ zu Ericka Hart EN

 

 

 

 

 

 


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