Wenn der Körper Nein sagt Teil 2 – Wie sehe ich meine persönliche Krebs-geschichte und meinen Lebensweg nach der Therapie in Zusammenhang mit meinen frühkindlichen Programmierungen?

Bild zeigt einen staubigen Weg mit roter Erde und Palmen und eine Gruppe von Menschen,die darauf entlang geht.

Dies ist der zweite Teil zum Artikel „Wenn der Körper Nein sagt“.

Ich habe mich beim Lesen des Buches „When the body says no“, vor allem zum Thema Krebs in einigen Dingen wiedergefunden. Gabor Maté zitiert unendlich viele Studien und Forschungsergebnisse, die auf Wechselwirkungen zwischen psychischen Mustern und Krebserkrankungen und Prognosen hindeuten. Ich wusste zum Beispiel gar nicht, dass es dazu doch schon Einiges an Forschung gibt.
Ich habe die Idee eine Erkrankung, zu deuten und sich zu fragen, was der eigene Körper oder die Krankheit denn für eine Botschaft erhält, nur aus „esoterischen“ oder spirituellen Zugängen bisher gekannt (dazu gibt es auch schon einen Artikel). Es war total toll für mich zu lesen, dass es einiges an „schulmedizinischer“ Forschung gibt, die sich damit beschäftigt, wie z.B. Gemeinschaft oder das Eingebunden-Sein in soziale Netze oder Umgang mit Emotionen, Selbstwert und Authentizität als protektive und gesundheitsfördernde Einflussfaktoren auf Krankheitsverläufe wirken. Hier möchte ich nochmal zu zwei meiner persönlichen Mustern schreiben, über die ich nochmal tiefer nachgedacht habe:

1. Wie kann ich es allen recht machen?

Zwei Dinge die im Buch angesprochen wurden, kenne ich von mir sehr gut. Das Gefühl es allen recht machen und von allen gemocht werden zu wollen bzw. Perfektionismus und unterdrückte Emotionen, besonders Wut und Groll. Beides bringe ich rückbezüglich mit einem geringer Selbstwert, oder Mangel an Selbstbewusstsein in Verbindung.
Ich habe meine Krebsdiagnose zu einem Zeitpunkt bekommen, als ich sehr viel gearbeitet habe und unter sehr viel Druck stand. In war Teilzeit seit sechs Monaten in einem neuen Job angestellt, und Teilzeit in einem (unglaublich spannenden) Projekt eines (absolut großartigen Vereins) selbstständig tätig. Der Verein arbeitet zum Thema Kinderschutz und Gewaltprävention und in dem Projekt haben wir neue Ideen, Übungen und Konzepte mit einem transkulturellen und diversitätspädagogischen Ansatz zu erweitern. Wir haben also an sehr vielen gesellschaftlichen Tabus und Schwierigkeiten gearbeitet, bei denen viele Menschen in der Gesellschaft lieber nicht so genau hinsehen.

Ich war sehr mit der Arbeit identifiziert und hatte das Gefühl etwas sehr Wichtiges und Richtiges zu tun, Wissen zu erarbeiten, das zukunftsweisend ist und dringend gebraucht wird. Das Projekt ging auf die Abschlussphase zu und ich und das ganze Team stand unter unglaublich viel Druck. Wir waren ein viel zu kleines Team, mit viel zu wenig Ressourcen, sehr viel Idealismus und haben über Jahre immer auf 100% gearbeitet, was für mich definitiv zu viel war.
Auch in meinem anderen neuen Job war ich ständig unglaublich gestresst. Ich hatte immer das Gefühl gar nicht genug zu wissen oder zu können, um dort zu sein. Dafür habe ich vor ein paar Monaten auch ein Konzept kennengelernt, welches Imposture-Syndrom auf Englisch heißt, und zu dem Michelle Obama, die Frau des ehemaligen US Präsidenten, Barack Obama auch viel spricht. Dazu werde ich vielleicht auch noch einen Artikel schreiben.

Nun mit Abstand erkenne ich klarer, dass diese Arbeitssituation auch deswegen so stressig war, weil ich innerlich so stark damit identifiziert war. Ich habe innerlich den Glaubenssatz verinnerlicht, dass ich erst Leistung erbringen und mich anstrengend muss, um okay zu sein oder akzeptiert zu werden. Dadurch dass ich politisch links orientiert und gesellschaftskritisch eingestellt bin, habe ich diese Prägung in meine Bemühungen kanalisiert, etwas zu tun, um die Welt zu verändern oder zu gestalten. Ich bin Sozialarbeiter geworden und wollte etwas da tun, wo sich die Schattenanteile unserer Gesellschaft zeigen. Ich habe immer gedacht, dass ich besonders viel arbeiten kann und möchte.
Auch in privaten Beziehungen tickte ich nicht wirklich anders. Ich habe immer ein guter Freund oder Partner sein wollen, der zuhört, leckeres Essen kocht, lustig ist usw. Das ist auch schön und daran ist auch prinzipiell nichts falsch oder verwerflich. Aber ich habe tief im Inneren irgendwie geglaubt, dass ich erst etwas tun muss um liebenswert zu sein. Genauso habe ich geglaubt nur etwas wert zu sein, wenn ich besonders viel arbeite und etwas tue, dass die Welt verbessert. Das hat eines für mich bedeutet: Permanenten Stress.

Erst durch meine Krebserkrankung, habe ich mich immer mehr mit der Idee angefreundet, dass ich gut genug bin, einfach weil ich hier bin. Ich muss gar nichts erst tun, um eine Berechtigung zu haben, am Leben zu sein und geliebt zu werden. Ich habe gelernt, dass ich auch nichts unbedingt tun muss, damit mich Leute mögen, sondern dass ich sowieso schon die Fähigkeit habe, tiefe und schöne Freundschaften zu gestalten. Ich habe gelernt, dass es für mich wichtig ist, zu tun, was mir Freude gibt, dass ich mein Leben mehr so gestalten kann, wie ich es möchte und für mich richtig ist.
Ich versuche mich davon zu lösen, es ständig allen recht machen zu wollen und zu überlegen, wer was wohl dazu sagen würde wenn ich x oder y mache. Das ist jedoch harte Arbeit, die mich auch heute noch beschäftigt. Zum Beispiel fiel es mir in den letzten Monaten schwer an meinem Blog weiterzuarbeiten. Ich habe mich sehr geschämt und dachte, dass alles was ich tue, doch total lächerlich ist und sowieso nichts bringt, angesichts der Klimakrise, Umweltverschmutzung, dem aufsteigenden Nationalismus, Faschismus und Extremismus usw. Ich war mit mir unzufrieden, weil ich ganz viele Gedanken hatte, was an meinem Blog nicht gut genug ist, und dass das und jenes fehlt und es so viel Arbeit wäre, das alles zu ändern. Und ich hatte auch viel Angst, was denn Leute von mir denken könnten. Ich habe immer sehr viel überlegt, wie ich etwas schreiben muss, dass sich möglichst viele Menschen wiederfinden und es bei Allen ankommt.

Beim Durcharbeiten des Buches von Gabor Maté sehe ich klar, dass ich wieder in mein altbekanntes Muster gefallen bin mit dem Anspruch es allen recht machen zu wollen und Perfektionismus. Jetzt versuche ich es auch so zu sehen, dass es toll wäre, mit meinem Blog anzuecken. Es wäre toll, wenn Leute, das was ich schreibe, scheiße fänden, weil es dann einfach bedeutet, dass ich meine Meinung und Überzeugungen teile, für wichtig und relevant halte und nicht davor zurückscheue in Auseinandersetzung und Diskussion zu gehen. Kurzum zu mir, zu meinem Leben und Geschichte (die auch immer im Wandel ist) zu stehen.

2. Mein Umgang mit Wut? Zurück in die Kindheit

Durch das Lesen des Buches bin ich auch wieder motiviert geworden, mich meiner eigenen Biographie zuzuwenden und zu fragen, woher diese Muster kommen, die für mich gefühlt so ungesund sind. Interessanterweise kam es vor einigen Monaten auch zu einem Gespräch mit meiner Mutter. Sie hat mir erzählt, dass es für sie immer sehr wichtig war, dass meine Schwester und ich, Anschluss und Freunde finden und in unseren Umfeldern akzeptiert werden. Ich habe dann auch einmal meine Eltern mehr dazu gefragt, wie sie aufgewachsen sind, und wie ihre Eltern, also meine Großeltern bzw. Urgroßeltern sich in der Zeit des Nationalsozialismus verhalten haben. Es war sehr spannend, mehr über die Erfahrungen meiner Eltern zu erfahren. Es hat für mich total viel erklärt ,dass meine Mutter uns so erzogen hat, dass wir „hineinpassen“ und akzeptiert werden und es vielleicht nicht so möglich war, uns darin zu bestärken, wir selbst zu sein, sodass es bei mir, aufgrund von was auch immer, dazu geführt hat, dass ich mich zu einem „people pleaser“ entwickelt habe.

Es gibt natürlich noch viele weitere Faktoren die dazu beigetragen haben. Ich denke daran, dass ich schon mit 13 wusste, dass ich schwul bin, und daran, dass meine Schwester mehrere Jahre mit einer  psychischen Erkrankung zu tun hatte, während ich circa 9 bis 14 war. Meine Eltern sind beide Lehrer_innen und Bildung und gute Noten waren sehr wichtig für sie. Auch diese Faktoren können dazu beigetragen haben, dass ich mich sehr über Leistung und Gemocht werden identifiziert habe. Ich habe jedenfalls sehr viel Groll und Wut heruntergeschluckt und habe sehr viel passiv-aggressives Verhalten gezeigt.
Ich war als ich zwanzig Jahre alt war zwei Jahre lang in Psychotherapie, aufgrund von Panikattacken und Angstzuständen, die ich damals entwickelte. Damals habe ich auch gelernt, dass es eine klassische Reaktion eines Geschwistern eines kranken Kindes ist, nicht aufzufallen, keine Probleme zu zeigen und angepasst zu sein. Vereinfacht gesagt; das Kind möchte den Eltern nicht zusätzlichen Stress zu machen. Ich war da gerade in der Pubertät und hätte eigentlich wütend und rebellisch sein sollen. Ich denke, dass ich hier begonnen habe meine Emotionen nicht zu zeigen, herunterzuschlucken und habe sehr viel Wut in mich hineingefressen, die dann irgendwie in mir festgesteckt ist. Ich sehe dies heute absolut klar als relevanten Faktor für meine Krebserkrankung an.
Ich könnte jetzt noch Seiten füllen mit Inhalten aus Therapien und Erkenntnissen, was jedoch etwas zu viel wäre. Es geht mir ja einfach darum zu zeigen, dass ich mehr verstehe, wie sich diese Muster entwickelt haben. Und mit diesem Wissen habe ich mein Leben in den letzten Jahren nach meiner Erkrankung mehr und mehr so gestaltet, dass ich mich zu mehr Authentizität, Freiheit und Autonomie hin entwickelt habe.

3. Von Wien nach Berlin – Mehr und mehr zu mir selbst und zu Gesundheit

Ich denke gerade darüber nach, dass ich einiges in meinem Leben äußerlich und innerlich umgestaltet habe und sich viel verändert hat. Ich hoffe, dass ich nicht mehr ganz so krass in diesen Mustern verhaftet bin. Ich spüre jedenfalls, dass ich mit viel mehr Lebensfreude, Freiheit, Achtsamkeit und Mitgefühl für mich selber und mit weniger Stress lebe.

Durch meinen Umzug nach Berlin, habe ich mich beispielsweise von einigen Schichten Scham entledigt und werde kontinuierlich motiviert, mich zu erforschen und zu mir zu stehen. Eine Arbeitskollegin sagte mir mal, dass Berlin die Stadt ist, um frei zu werden. Ich stimme ganz zu. Es gibt in meiner Wahrnehmung in Berlin irgendwie eine Kultur von „Nimm mich, wie ich bin, oder vergiss es“. Es gibt sehr viel Offenheit, Schattenanteile zu integrieren und Raum für das Experimentieren für unkonventionelle Lebensmodelle, besonders für queere Menschen und Sexualität. Das finde ich unglaublich toll. Ich erforsche auch viel mein sexuelles Selbst, gehe in Clubs und auf Sexparties, und gehe immer offener damit um, weswegen ich es auch hier erwähne.

Ich habe vor ein paar Monaten meinen Job gekündigt, weil ich gemerkt habe, dass ich körperlich und psychisch zunehmend belastet war und wenig Energie zum Schreiben hatte. Ich habe gemerkt, dass ich aber mehr Schreiben und mehr Energie und Zeit auch wieder in meinen Blog investieren möchte. Ich überlege gerade, was und wie ich arbeiten könnte, sodass es zu mir und meinen Bedürfnissen besser passt. Ich merke, dass klassische Soziale Arbeit hat durch die gesellschaftlichen Machtverhältnisse so eine große Schwere für mich hat, mit der ich nicht mehr so gut umgehen kann oder will. Vielleicht konnte ich das auch nie so wirklich gut.

Ich habe beschlossen drei Monate zu reisen und habe den Winter in Indien, Thailand und Indonesien verbracht. So etwas habe ich mir bisher noch nie ermöglicht. Ich habe mir spirituelle Zentren und Retreats angesehen und Rückschau auf meinen Prozess gehalten. Ich überlege mit einem Freund einen Podcast über unsere Erfahrungen als schwule, hochsensible Menschen in der queeren berliner Szene zu machen.

Alles das sehe ich nach dem Lesen des Buches auch als Erhaltung meiner Gesundheit an. Der Prozess zu Kündigen war nicht nur positiv oder angenehm, sondern auch vom Aufkommen von Scham, Ängsten, Zweifel und depressiven Phasen begleitet. Aber gleichzeitig gibt es auch viel Vertrauen, dass es richtig ist und mich gesund hält. Ich weiß auch, dass mein Weg nur aufgrund einer privilegierten Position möglich ist, da ich es mir finanziell auch einfach leisten kann, ein paar Monate nicht zu arbeiten. Viele Menschen haben diese Wahlmöglichkeiten und Chancen nicht. Ich möchte deswegen diese Möglichkeit als Chance wertschätzen, mich auch beruflich so weiterzuentwickeln, dass ich glücklich sein und etwas an meine Mitmenschen zurückgeben kann. Ich habe auch schon einige konkrete Ideen und werde das auch mit Euch Leser_innen teilen.

Mit dem Schreiben dieses sehr persönlichen Artikels, möchte ich dich und alle Menschen darin bestärken, das eigene Leben möglichst so zu leben, so dass es Freude bereitet und Selbstliebe und Vertrauen fördert. Das kommt meiner Erfahrung nach, auch sehr gut beim sozialen Umfeld an. Vielleicht können wir so auch noch die eine oder andere Erkrankung vorbeugen oder abschwächen oder heilen!

 


6 Gedanken zu “Wenn der Körper Nein sagt Teil 2 – Wie sehe ich meine persönliche Krebs-geschichte und meinen Lebensweg nach der Therapie in Zusammenhang mit meinen frühkindlichen Programmierungen?

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