Ja zu jedem Moment sagen – Wann? Jetzt! Teil 1: Sich dem Leben hingeben

„Miracles happen when you say yes to what is“
“Wunder passieren, wenn du Ja sagst, zu dem, was ist”
Eckhart Tolle

Dieser Artikel geht auf etwas ein, was ich in Anlehnung an Eckhart Tolle “Hingabe an das Leben“ (auf Englisch „surrender“) nenne. Es ist mir ein Anliegen diesen Artikel bei den psychischen /geistigen Ressourcen zu schreiben, da ich erlebt habe, was im obigen Zitat beschreiben wird. Wenn wir “Ja” zum jetzigen Moment sagen, scheint das Leben für uns, statt gegen uns zu arbeiten, und viele kleine und große Wunder sind möglich.

Es ist ein gewisses Paradoxon, was auch in manchen therapeutischen Schulen glaube ich bekannt ist. Indem Moment, indem ich etwas/mich/eine Situation so akzeptiere, wie sie ist, verändert sich etwas.
Anfangs war ich bei solchen Aussagen sehr verwirrt. Ich habe mich gefragt ob „den Moment / etwas so akzeptieren, wie es ist“ nicht so etwas bedeutet, wie (sich) aufgeben, sich nicht kümmern, sich nicht mehr anstrengen oder sich gehen lassen oder keine Verantwortung übernehmen. Darüber habe ich schon in diesem und diesen Artikel geschrieben. Vielleicht ist es hilfreich für das Verstehen dieses Artikels, wenn du die beiden anderen Artikeln gelesen hast, und klar ist, was mit Leben an sich/innen und Lebenssituation/außen gemeint ist.

Sich dem Leben hingeben, heißt innerlich zu akzeptieren, was ist

Was Eckhart Tolle als „surrender“ bezeichnet und auf Deutsch mit „sich hingeben“ übersetzt wird, bedeutet im Inneren zu akzeptieren, dass das, was gerade in meinem Leben ist, ist. Es geht also darum innerlich „Ja“ zum jetzigen Moment zu sagen. Eigentlich ist das die einzig sinnvolle und rationale Art zu leben, denn das was ist, ist sowieso. Das heißt nicht, dass wir so tun müssen, als hätten wir uns die Situation herbei gewünscht oder dazu keine schwierigen oder intensiven Gefühle hätten.

Zu dem was ist/ zum Jetzt „Nein“ zu sagen, ist ein Produkt inneren Widerstandes und kostet uns Energie, die ich – in meinem Fall – zum Heilen brauch(t)e. Wenn ich meine derzeitige Lebenssituation oder das Eintreten eines Ereignisses innerlich annehme und mich der Situation hingebe, habe ich die Möglichkeit meine Energien anders zu nutzen. Es geht beim „sich dem Leben hingeben“ also nicht um ein Aufgeben / im Außen nichts mehr machen, sondern um die innere Akzeptanz jeden Moments, mit dem was ist.

Eine schöne Metapher von Eckhart Tolle ist, dass „Sich hingeben“ auf die Weisheit hindeutet, mit dem Fluss des Lebens zu gehen, anstelle sich ihm entgegenzustellen (vgl. Tolle 2011: 171). Ich glaube das beschreibt in etwa, was ich erlebt habe. Trotzdem ich äußerlich betrachtet in einer beschissenen Lebenssituation war, war ich praktisch gezwungen mich dem Leben, wie es ist, hinzugeben. Durch die Aufgabe von innerem Widerstand, habe ich gelernt, wie schön das Leben trotz dieser äußeren Umstände sein kann und so die positive Energie von Entspannung erzeugen können, die sich wiederum positiv auf meinen Gesundheitszustand ausgewirkt hat.

Innerlich Ja sagen und äußerlich etwas verändern wollen ist kein Widerspruch

Auch Eckhart Tolle schrieb irgendwo mal bezüglich „surrender“ oder sich hingeben: „It doesn’t mean you cannot change a situation. it doesn’t mean you can’t take action. The basis for action is the state of acceptance and surrender and „yes“ to now.“ Übersetzt sagt er, dass sich hingeben nicht bedeutet, dass man eine Situation nicht verändern kann/ oder soll. Es heißt nicht, dass man nichts tun soll. Aber die Basis für etwas Tun ist ein Bewusstseinszustand, der von Akzeptanz des und einem Ja zum jetzigen Moment geprägt ist.

Ich kann sehr wohl mit meinem Verstand überlegen, was ich im Außen tun möchte. Ich z.B. habe während meiner Erkrankung versucht mich möglichst gesund zu ernähren, zu meditieren, spazieren zu gehen, meine physiotherapeutischen Übungen zu machen, und alles Mögliche für mich zu tun, um mich zu stärken. Ich habe nicht aufgegeben und gesagt, es ist alles egal. Ich habe im Außen alles getan, wovon ich überzeugt war, dass es für meine Gesundung und Überleben hilfreich war. Aber ich habe an einem Punkt verstanden, dass ich, um gesund zu werden, innerlich Ja zu meinem Krebs sagen muss.

Sich dem Leben als Mensch mit einer Krebserkrankung hingeben

Von vielen Krebs-Überlebenden oder in Medien habe ich mitbekommen, wie der Umgang von Menschen mit ihrer Krebserkrankung mit Metaphern wie „Tapfer kämpfen“ „sich nicht unterkriegen lassen“, „den Krebs besiegt haben“ usw. beschrieben werden. Der ehemalige amerikanische Präsident Richard Nixon hat in den 70er Jahren den „war on cancer“ ausgerufen. Krebs wird wie ein böser Eindringling dargestellt, der im Krieg getötet werden muss, damit der Mensch als „Siegerin“ / als Überlebender gefeiert wird.

Gleichzeitig habe ich aber auch gehört, dass es Menschen gab, die nicht gegen ihren Krebs kämpfen wollten oder einen Krieg in sich stattfinden haben wollen. Jeder Zugang hat seine Berechtigung und ich sage nicht, dass irgendeiner besser ist als der andere. Ich habe aber irgendwann verstanden, dass ich mich eher mit einem sanften Zugang ohne Krieg oder Kampf gegen etwas, verbunden fühle.
Ich habe erlebt, dass ab dem Zeitpunkt, wo ich aufgehört habe zu “kämpfen” oder den Krebs „schlecht zu finden” oder “durchzuhalten”, sich alles wie von selbst gefügt hat. Wie ich bei den spirituellen Erkenntnissen schreibe, habe/hatte ich ab einem Zeitpunkt das Gefühl, dass ich eins mit dem Leben bin, alles okay ist und ich nichts wirklich tun muss, um zu heilen. Bzw. habe ich eben schon viel getan, aber aus einer anderen Haltung heraus. Ich habe nicht aus einer Angst heraus, pflanzenbasierte Vollwertkost gegessen, täglich meditiert und so viele stärkende und schöne Momente, wie möglich herbeizuführen versucht, sondern eher aus einem inneren Frieden heraus, mit dem Bewusstsein, dass das jetzt das Richtige zu tun ist in diesem Moment und dass das Leben jetzt schon ist und ich es genießen kann, egal ob ich überlebe oder nicht.

~

Eckhart Tolle beschreibt in einem Absatz im Buch „Jetzt“ nochmals speziell wie „Hingabe“ in einem Krankheitskontext verstanden werden kann. Tolle beschreibt, worauf ich in den zwei Artikeln bei den Erkenntnissen,eingegangen bin. Er unterscheidet zwischen unserem äußeren Wesen / unserer Lebenssituation, die eher entspannt oder voller Probleme sein kann und unserem Inneren / unserem Leben an sich, in welchem keine Problem möglich sind. Wenn wir uns etwas hingeben, dann ist das ein innerer Prozess, also unsere innere Einstellung und Haltung zu etwas. Dieses Video finde ich dazu auch sehr super (es ist auf Englisch).

Wir müssen nicht die Idee Krebs zu haben und krank zu sein akzeptieren. Wir können aber im Moment spüren, was diese Lebenssituation gerade für mich bedeutet. Vielleicht fühle ich mich schwach, oder habe Schmerzen. Vielleicht muss ich im Krankenhaus sein oder kann gerade nicht arbeiten oder bin in meinem Handlungsspielraum oder Alltagsbewältigung eingeschränkt. Vielleicht habe ich Ängste, oder fühle viel Wut. Das ist das, was ich von Moment zu Moment annehme. Ich muss mich beispielsweise nicht der „Idee“ hingeben, dass ich krank bin und sterben werde. Es geht eben gerade darum, solche Ideen/Gedanken zu beobachten und zu erkennen, dass es einfach Gedanken sind und ich nicht mit jedem dieser Gedanken mitgehen oder mich mit ihnen identifizieren muss (dazu kommt noch bald ein weiterer Artikel).

Ich z.B. war nicht gerne im Krankenhaus, so wie die meisten Menschen. Ich habe mich nicht gefreut hinzugehen, aber je weniger Widerstand ich gegen die Notwendigkeit erzeugt habe, desto leichter waren die Aufenthalte, desto netter die Pfelger_innen und Ärzt_innen und ich konnte auch die vielen netten und witzigen Momente sehen und meinen Körper besser entspannen.

Irgendwann gab es einen Moment wo für mich alles Sinn machte und ich habe meine Krebserkrankung annehmen können, wie sie war. Ich habe mir dann auch vorgestellt, dass die Metastasen eher Liebe und Akzeptanz brauchen, dass sie noch immer ein Teil von meinem Körper waren und es, so wie es ist, okay ist. Das war unglaublich befreiend. Es war sehr anstrengend zusätzlich zu anstrengenden Chemotherapien noch die ganze Zeit negative Gedanken in meinem Kopf zu haben, wie gemein, mühsam und unfair doch alles ist.

Das meine ich mit Hingabe zu dem was ist. Es gibt auch einen Anderen, vielleicht etwas praktischeren Zugang, der für Menschen hilfreich sein könnte, und zwar „The Work“ von Byron Katie. Darüber werde ich im zweiten Teil dieses Artikels berichten.

Ressourcen

Tolle, Eckhart (2011): The Power of Now. A Guide to Spiritual Enlightenment. Hodder & Stoughton, London
Tolle, Eckhart (2010): Jetzt! Die Kraft der Gegenwart. J. Kamphausen, Bielefeld

Eckhart Tolle: How to change any situation no matter how bad it is (Englisch)


2 Gedanken zu “Ja zu jedem Moment sagen – Wann? Jetzt! Teil 1: Sich dem Leben hingeben

  1. So viel Weisheit auf einmal… 😉 Ich kann dir bei allem nur voll und ganz zustimmen, Lukas! Auch ich kann mich sehr gut an einen Moment in meinem Leben erinnern, an dem ich verstanden habe, was Eckhart Tolle meint mit dem „das So-Sein des Augenblicks akzeptieren“ … es hat genau diese Worte gebraucht, um in mein Herz vorzudringen – und danach war mehr Frieden mit der Situation… danke für diesen Artikel! Es tut sehr gut, sich diese Dinge immer wieder vor Augen zu halten! Alles Gute für dich! 🙂
    PS: Ich wollte den Beitrag liken, aber der Like-Butoon funktioniert leider nicht…

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