Das hier und jetzt zur Heilung nützen Teil 2: Das „Wir“ in mir – Jill Bolte Taylor

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„We have the power to choose,moment by moment,who and how we want to be in this world“
„Wir haben, in jedem Moment, die Macht zu entscheiden wer und wie wir in dieser Welt sein wollen.“
Jill Bolte Taylor

Nochmals: Ich bin noch mehr als meine Identitäten, Gedanken und Verstand

Im vorigen Artikel habe ich anhand der Metapher von Welle und Ozean die zwei Bewusstseinsebenen zwischen z.B. Leben-an-sich und Lebenssituation, innen und außen beschrieben. Hier möchte ich nochmals konkretisieren wie diese beiden Ebene auf unserer persönlichen Ebene wirken. Ich stelle mir durch die Krebserkrankung ja nochmals sehr tiefgründig die Frage: Wer bin ich eigentlich?
Ich bin auch meine Identität und Geschichte, also Lukas, 30 Jahre alt, in Wien geboren, Sohn meiner Eltern, Krebsüberlebender, Sozialarbeiter, ehemals schwuler/queerer Aktivist, gerne kochender Mensch, mit diesen und jenen Hobbies. Ich bin aber auch mehr als „nur“ Lukas. Ich bin ein Teil allen Lebens, dieses Planeten und dem gesamten Leben. Ich bin auch einfach Bewusstsein, dass das Leben und mich selbst überhaupt erst wahrnehmen kann und mehr als nur mein Verstand mit allen möglichen Gedanken.

Eckhart Tolle schreibt, dass „Erleuchtung“ bedeutet, sich seiner Verbundenheit und Eins-sein allen Lebens bewusst zu sein. Was diesem „Gefühl“ oder tiefen Wissen entgegensteht, ist das konstante Plappern der Gedanken unseres Verstandes. Oder anders gesagt, dass wir unsere Gedanken für das halten, was wir sind. Wir sind aber nicht nur die Summe unserer Gedanken, und in weiterer Folge dann auch Identitäten. Sondern wir sind auch ein Bewusstsein, dass diese Gedanken, Konzepte, Ideen und so weiter wahrnehmen und beobachten kann. Wir können uns also auch als Bewusstsein identifizieren, dass über einen Verstand verfügt, der Denken kann.

Tolle beschreibt, dass es ein grundlegendes Missverständnis ist, zu glauben, dass man eben nur dieser Verstand sei. Der Verstand/(Tolle verwendet auch den Begriff „Ego“ will sich immer in Abgrenzung zum Anderen definieren und verwendet deswegen gerne Bewertungen, Differenzierungen, oder Auf- und Abwertungen. Wenn wir uns mit Gedanken identifizieren, z.B. „ich bin ein Mann“, dann nehmen wir uns als grundsätzlich anders war als z.B. „die Frauen“. Wenn ich glaube ich „bin ein Krebspatient und alles ist so mühsam“, dann nehme ich vielleicht gerade nicht wahr, dass ich auch noch immer ein Mensch bin, dessen Körper atmet, Herz schlägt, Nahrung verdaut, sieht, hört, spürt, oder Gefühle und Stimmungen zu/mit/von anderen Menschen entwickeln oder wahrnehmen kann.

Tolle schreibt dass es meistens so ist, dass das „Instrument“ Verstand mit seinem Denkvermögen „uns“ als ganzes Wesen in Knechtschaft genommen hat. Für mich war es bis vor ein paar Jahren nicht vorstellbar, dass ich mich auch als Bewusstsein wahrnehmen kann bzw. dass es noch mehr als nur Verstand gibt. Meditation oder Achtsamkeitsübungen wäre dann ein Mittel diese Ganzheit und Verbundenheit wieder zu spüren, und sich von dieser Knechtschaft und Illusion zu befreien.
Nach Tolle, können wir unseren Verstand, mit all seinen Gedanken, als Instrument verstehen. Wir können das Instrument benutzen, um zu sprechen, etwas zu planen, zu organisieren, arbeiten zu gehen, essen zu machen usw. Wir können mit dem Verstand ganz viel erschaffen oder und ausmalen. Das ist ja wunderbar. Aber in unser Zeit hat der Verstand und das Tun Überhand gewonnen und ist sehr dominant.

Um gesund zu werden und heilen zu können, kann es meiner Erfahrung nach unglaublich stark sein, aus dieser Ebene öfter auszusteigen/ das Instrument Verstand immer öfter ausschalten und in die Ebene der Verbundenheit zu wechseln. Also sich immer wieder bewusst zu machen, dass wir nicht nur das, was wir im Außen „Tun“ und im Kopf denken, sind. Immer mehr aus den Gedankenschleifen und dem Kopfkino aussteigen zu können und „einfach“ nur da/präsent im jetzigen Moment zu sein.
(vgl. Tolle 2011: 12f.)

Jill Bolte Taylor und ihr Tedx-Vortrag „My stroke of insight“

Ein Problem mit diesem „Wissen“ ist, dass es nichts ist, was der Verstand auf diesem Level verstehen kann. Es ist keine neue Information und man sagt „Ah, ich bin ein Teil von allem, na jetzt ist alles klar“ Ich habe schon vor Jahren mit Menschen geredet, die mir von solchen sogenannten „nicht-dualistischen“ Zugängen erzählt haben und ich habe mich immer gefragt „Schön und gut, aber ich bin noch immer Lukas und das und das und das und das“. Ich habe es also als ein „entweder oder“ verstanden. Als ein entweder bin ich „nur“ ich mit meiner Identität und Geschichte als Lukas oder diesen Lukas gibt es eigentlich nicht und ich bin „nichts“, nur ein Puzzlestein im Universum.
Nach Eckhart Tolle bin ich auf die bewundernswerte Geschichte von Jill Bolte Taylor gestoßen, die mir half, dieses „Entweder-Oder“ Denken aufzulösen. Durch den Vortrag „My stroke of insight“  wurde mir klarer, dass ich eben „beides“ bin und dies auch in meinem Gehirn so angelegt ist.

Dr. Jill Bolte Taylor ist eine amerikanische Neurowissenschaftlerin, die in den 90er Jahren einen Schlaganfall hatte, bei dem sie selbst erfahren hat, was mit Nicht-dualität oder „Erleuchtung“ oder „Verbundenheit“ gemeint ist. Sie zeigt sehr praktisch, was es bedeuten kann, sich dieser weiteren Bewusstseinsebene bewusst zu sein. Und sie zeigt sehr schön, dass beide Ebenen Platz haben und nicht entweder die Eine oder Andere real ist, sondern eben beide gleichzeitig da sind. Eben eine weltliche und eine spirituelle Ebene, eine mit einem separatem und abgegrenzten Ich und eine mit einem All-Eins-Sein. Eine Ebene mit Identität, Lebensgeschichte, Vergangenheit und Zukunft und eine ohne Geschichte, Konzepten und im jetzigen Moment.
Ich lade dich ein ihren Tedx-Talk „My stroke of insight“ auf Englisch oder mit deutscher Untertiteln anzusehen.

Jill Bolt Taylor spricht in ihrem Tedx-Talk über den Aufbau des Gehirn und die verschiedenen Funktionen der zwei Gehirnhälften. Sie beschreibt, dass beide Hälften zwar verbunden und in Austausch und Zusammenarbeit miteinander sind, jedoch die Art und Weise, wie sie funktionieren, unterschiedlich sind.

Linke Hälfte

Rechte Hälfte

– denkt linear, also eins nach dem nächsten

– geht methodisch vor

– denkt in Vergangenheit und Zukunft

– zerlegt Information und filtert Details heraus

– analysiert und kategorisiert diese Details

– stellt Verbindungen zwischen Erfahrungen / Geschichte und Eindrücken her

– entwirft mögliche Zukunftsszenarien

– erzeugt ein „Ich Gefühl“ und sorgt für klare Abgrenzung des eigenen Erlebens von der Umwelt

-ist im gewissen Maße für die „Stimme“, die mit uns spricht verantwortlich

– denkt parallel, viele Eindrücke gleichzeitig

– denkt viel in Bildern

– zuständig für das Erleben im Hier und Jetzt

– Sinneswahrnehmungen: Gerüche, Geräusche, Gefühle/Stimmungen, Geschmack

– spürt Energien/Stimmungen

– ist mit den Energien und Stimmungen der anderen Menschen und Wesen verbunden

– nimmt das „Eins“Sein mit allem wahr

– begreift das Leben als Ganzheit

– Gefühl von innerem Frieden, alles ist gut

Die Geschichte zu ihrer Erkenntnis

Dr. Taylor hat eines Morgens einen Schlaganfall mit einem Blutgerinnsel in ihrer linken Gehirnhälfte bekommen und schildert eindrücklich, was das mit ihrem Bewusstsein und Selbstwahrnehmung gemacht hat. Was sie berichtet, wirkt zunächst fast unglaublich.
Sie beschreibt ein Gefühl, als ob sich alle Grenzen aufgelöst hätten, sie fühlte sich wie im Paradies oder im Nirvana, durchdrungen von Liebe, Wärme und Verbundenheit. Sie nennt diesen Zustand „Lalaland“. Ihre Stimme im Kopf, war phasenweise komplett ausgeschaltet. Gleichzeitig hat sie sich schon immer wieder gemeldet und ihr signalisiert: „Hey, du hast einen Schlaganfall. Hol Hilfe“. Sie ist aber immer wieder abgedriftet. Als sie zum Telefon lief, um Hilfe zu holen, hat sie 45 Minuten gebraucht, um eine Nummer zu wählen, da sie immer wieder von ihrem klaren rationalen Verstand (linke Gehirnhälfte) in diesen All-Eins-Zustand (rechte Gehirnhälfte) gekippt ist, und dann nicht mehr wusste, welche Ziffer sie schon gewählt hatte. Sie hat es dann Gott-sei-Dank noch rechtzeitig geschafft Hilfe zu holen, wurde vom Rettungswagen ins Krankenhaus eingeliefert und konnte rechtzeitig operiert werden.

Nach ihrem Schlaganfall hat sie ihr Gedächtnis komplett verloren, sie wusste weder wer sie ist, noch wer ihre Mutter war oder was überhaupt eine Mutter ist. Der ganze rationale Anteil ihres Denkens war verloren gegangen. In einem Interview mit Oprah Winfrey hat sie etwas sehr Starkes gesagt. Sie konnte zwar nicht sprechen oder ihre Muskulatur koordiniert bewegen, aber emotional war sie vollkommen da und konnte die Stimmungen und Energien ganz genau wahrnehmen. Sie appelliert deswegen an alle Menschen, welche mit bewusstlosen oder an Gedächtnisverlust leidenden Menschen arbeiten, Verantwortung für die Energie, mit der sie in die Begegnung gehen, zu übernehmen. „I wanted people to be responsible for the energy they brought to me“ Für sie war es sehr schlimm, wenn Ärzt_innen oder andere Menschen sie nicht einmal begrüßten, oder Augenkontakt herstellten oder sonst wie versuchten in Kontakt zu kommen.

Und das ist eigentlich nicht etwas was nur Menschen, mit einem Schlaganfall brauchen. Das ist etwas was wir alle brauchen. Wir alle sind auch unsere rechte Gehirnhälfte, die die Verbundenheit und die Energie zwischen allen Menschen und Wesen spüren kann. Wir leben aber in einer Gesellschaft, in der die linke Gehirnhälfte bzw. diese Art des Denkens überbetont und mehr wertgeschätzt wird, als das Denken der rechten Hälfte. Beide Ebenen und Hälften haben ihren berechtigten Platz. Ohne die rationale, separierte, identitätsbasierte, linke Gehirnhälfte, hätte Jill Bolte Taylor keine Hilfe organisieren können und wäre gestorben. Großartig also, dass wir einen Verstand haben, der uns zum Telefonhörer greifen lässt und alle anderen wunderbaren Dinge tun kann, die Menschen erschaffen haben. Wie zum Beispiel, dass es Menschen gibt die forschen, studieren, Medikamente entwickeln und Methoden entwickelt haben Krankheiten zu behandeln.Aber durch diese Erfahrung hat sie entdeckt, dass es eben noch mehr gibt und wir auch von der zweiten Gehirnhälfte und Bewusstseinsebene viel mitnehmen können. Diese beiden Welten sind immer parallel und gleichzeitig da.

Ihre Erholung und Genesung von diesem Schlaganfall hat insgesamt acht Jahre gedauert. Ihre Erkenntnisse haben sie motiviert,wieder ins Leben zurückzukommen und mit ihren neuen Erkenntnissen für einen Wandel im Bewusstsein der Menschheit beizutragen. Sie fasst nochmal zusammen, dass wir immer und zu jedem Zeitpunkt beide Realitäten und Möglichkeiten der Wahrnehmung haben. Unsere rechte Gehirnhälfte ist immer da.Wir brauchen auch keinen Schlaganfall haben um zu sehen, dass diese Bewusstseinsebene da ist (und genauso wenig braucht es eine Krebserkrankung). Aber wir müssen wieder lernen, neben dem analytischen Verstand und der Gedanken auch die energetische Ebene der rechten Gehirnhälfte wieder mehr Aufmerksamkeit zu geben. Sie spricht von „the we in me“, also das „wir in mir“ im Sinne dieser beiden Ebenen.
Sie schließt ihren Vortrag mit der Aussage: Je mehr Zeit wir in der zweiten Bewusstseinsspähre der rechten Hälfte verbringen, in der innerer Frieden und Verbundenheit mit Allem herrscht, desto mehr Frieden strahlen wir aus und desto mehr Frieden wird es auch in der Welt geben.

~

Dr.Jill Bolte Taylor erklärt also ein „Erleuchtungserlebnis“ mit den beiden Gehirnhälften, und Denkmodi während Eckhart Tolle es mit Ich vs. Ego oder Bewusstsein vs. Verstand beschreibt. Egal wie man es nennt, es gibt ja noch viel mehr Menschen, die solche Erlebnisse von Erleuchtung hatten und dann in verschiedenen Metaphern oder Sprachen versuchen diese Erkenntnisse zu beschreiben.

Ich habe durch meine Erkenntnisse zumindest einen Funken oder Hauch einer Idee bekommen,worum es da gehen könnte.Ich bin jedoch fast durchgehend im Verstand oder in der linken Gehirnhälfte. Jill Bolte Tailer sagt, wir können immer auswählen, wie wir leben wollen und welchen Bewusstseinszustand wir wählen wollen. Das kann ich aus meiner Wahrnehmung heraus leider nicht bejahen. Es braucht meiner Erfahrung nach sehr viel Übung und/oder Meditationspraxis, sich diesem Zustand mehr anzunähern. Durch meine Geschichte durfte ich zumindest eine Idee bekommen, wo es hingehen kann.

Wir können dazu beitragen diesen elementaren Bestandteil von uns, von Verbundenheit, Liebe, Frieden im realen Leben und der Welt zu manifestieren. Die tiefe innere Verbundenheit mit Allem in sich zu spüren ist heilend und wir können damit auch andere und die Welt heilen und ein Stück besser machen!

Ressourcen

Tedx Talk – Jill Bolte Taylor My stroke of insight (Englisch)
Mit deutschen Untertiteln

http://www.drjilltaylor.com/
Homepage der Autorin

Video „Your energy matters“ (Englisch)

Eckhart Tolle (2011): The power of Now. A guide to spiritual enlightenment, Hodder & Stoughton


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