Fasten als Ressource bei Krebs – Teil 1: Etwas Theorie

Bild zeigt einen Tisch mit einem Glas frisch gepresstem Gemüse-Obst-Saft und einer Sonnenblume
„Mittagessen“ beim Fasten

„Fasten ist der stärkste Appell an die natürlichen Selbstheilungskräfte des Menschen, sowohl leiblich wie auch seelisch gesehen“
Dr. Heinz Fahrner zit. n. Wilhelmi de Toledo

Dass ich jemals zwei ganze Tage ohne etwas zu essen überleben könnte, wäre mir noch vor drei Jahren nicht in den Sinn gekommen. Also ich wusste schon, dass es physiologisch möglich sein muss, aber die Vorstellung, dass es für (m)einen Körper relativ problemlos und unkompliziert ist, einmal eine gewissen Zeit nichts zu essen, war für mich sehr weit weg. Ich war immer ein sehr dünner Mensch und hatte das Gefühl, dass ich sehr viel essen muss, um mein Gewicht halten zu können und würde sofort hungern, wenn das mal nicht so wäre.

„Zufällig“ habe ich etwa einen Monat vor meiner Krebsdiagnose auf dem TV-Sender Arte eine Dokumentation über Heilfasten gesehen. In der Doku wurden Ärzt_innen aus Russland, Deutschland und den USA vorgestellt. Diese Ärzt_innen forschten und forschen daran, warum Fasten unter kontrollierter medizinischer Aufsicht einen positiven Einfluss auf verschiedene Krankheiten haben kann. Ich war erstaunt. Ich hatte noch nie gehört, dass Fasten einen wirklich nachhaltigen und physiologischen Effekt auf Krankheiten haben soll.

Noch erstaunter war ich zu hören, dass es Forscher_innen gibt, für die möglich scheint, dass Fasten sogar eine positive Wirkung bei Krebserkrankungen haben kann. Konkret dass Fasten die Chemosensitivität – also das Ansprechen/Wirken einer Chemotherapie – erhöht, sowie Nebenwirkungen reduziert werden. Der dahinterstehende Mechanismus hat mich sehr erstaunt und ich möchte versuchen ihn kurz vorzustellen. Bei den Ressourcen sind alle Links angefügt, wenn du dich genauer informieren möchtest!

Zwei Ernährungsprogramme

Wir Menschen verfügen über zwei Ernährungsprogramme. Das erste Ernährungsprogramm ist Essen. Wir fügen mit der Nahrung Baustoffe und Energie von Außen zu. Das zweite Programm ist Fasten. Dabei stellt der Körper die Verdauung ruhig und und entnimmt Energie aus verschiedenen Speicherquellen im Körper, hauptsächlich dem Fettgewebe, was man auch als „innere Ernährung“ bezeichnen kann. Fasten ist also nicht „Mangel an Nahrung, sondern Umschaltung auf gespeicherte Nahrung“ (Wilhelmi de Toledo / Hohler 2010: 30). Es wird das Fasten mit einem Laptop verglichen. Ein Laptop verbraucht nicht nur Strom für die Aktivitäten, die er gerade vollrichtet, sondern speichert Strom auch in seinem Akku. Wenn wir ihn aus stecken, dann schaltet er auf die Energieversorgung des Akkus um. Wie lange der Akku hält, hängt von seiner Speicherkapazität ab. Diese sind bei Menschen die Fettdepots. „Normal“gewichtige Menschen hätten laut den Autor_innen des Buchinger Heilfastens Reserven für 40 Tage. Das ärztlich begleitete Fasten in einer Klinik dauert zwischen ein bis drei Wochen und ist somit ungefährlich möglich (vgl. ebenda).

Während Gewebe sich Energie aus Fettreserven holen können, braucht unser Gehirn und Nervensystem Zucker, in Form von Glukose. Bei der Umstellung auf das Ernährungsprogramm II braucht der Körper zunächst seine Glukosespeicher in der Leber auf. Dann wandelt er für kurze Zeit Eiweiße aus gewissen Eiweißspeichern in Glukose um. Schlussendlich gewöhnt sich auch das Gehirn an eine andere Ernährung, nämlich an den Verbrauch von Ketonkörpern, welche aus Fett hergestellt werden können. Auch Vitamine, Mineralien usw. sind im Körper gespeichert und werden durch Säfte und Suppen, die bei manchen Fasten Methoden, wie dem Fasten nach Buchinger, erlaubt sind, in geringem Maß zugeführt.

Durch das Fasten reinigt und erholt sich der Körper. Da der Körper auf Nahrung aus den eigenen Zellen zurückgreift, scheidet er auch Giftstoffe, die in Zellen gespeichert sind, vermehrt aus. Der Darm kann sich von überflüssigen oder schlechten Bakterien „säubern“, ebenso andere Systeme wie Bindegewebe, Organe, Blutgefäße und Gelenke.
Weitere körperliche Wirkungen des Fastens sind: das Sinken des Cortisolspiegels, Insulinspiegels, von Blutfetten/Triglyceriden und des Blutdrucks, das Nachlassen von Appetit, Körpergewicht sowie der Speicherung von Fett in den Fettzellen (vgl. Buchinger 2013: 11f.)
Fasten wirkt sich erwiesenermaßen positiv auf Herz- und Gefäßerkrankungen, Rücken- und Gelenkerkrankungen, Erkrankungen des Verdauungssystems, das Allgemeinbefinden sowie Erkrankungen wie Migräne, Kopfschmerzen, Infektanfälligkeit, Allergien, und noch viele Weitere aus. Es gibt aber auch Situationen in denen vom Fasten absolut abgeraten oder ein erhöhtes Risiko gesehen wird. Eine Krebserkrankung ist beispielsweise eine Indikation, die ein Risiko darstellt und ärztliche Rücksprache verlangt (vgl. Wilhelmi de Toledo 2010: 45).

Viele Tiere fasten, wie z.B. Zugvögel und Pinguine.. Der Forscher Yvon le Maho hat mit einem Team Kaiserpinguine in der Antarktis beforscht und herausgefunden, dass die Pinguinmännchen, welche die Eier ausbrüten, bis zu 6 Monate im Jahr fasten können. Erst nach 115 Tagen ohne Nahrung aktiviert sich ein „Überlebenssignal“, die Tiere werden unruhig und wissen, dass sie nun unbedingt nach Nahrung suchen müssen (vgl. ebenda: 14f.)
Wir Menschen sind letztendlich ja auch nur eine Tierart und auch Menschen haben über lange Zeit verschieden intensive Nahrungsaufnahmeperioden gehabt, etwa durch die Jahreszeiten oder Monsun bedingt.

Dr. Andreas Michalsen von der Charité Berlin schlussfolgert, dass die positiven Effekte des Fasten evolutionsbiologisch /-historisch begründet sein müssen. Es war für uns Menschen/unsere Vorfahren/ unsere Zellen notwendig immer wieder Zeiten ohne Nahrung überleben zu können. Die zwei Ernährungsprogramme sind fest in der „Software“ des Körpers verankert . Die Situation der westlichen Welt der letzten 50 bis 60 Jahre, also der durchgehende volle Kühlschrank, ist aus evolutionärer Sicht ja sehr neu und so gesehen nicht „normal“. In der Arte-Doku erklärt Herr Michalsen seine These: Evolutionär gesehen kann der Körper mit dem heutigen permanenten Überfluss weniger gut umgehen, als mit dem phasenweisen Verzicht (vgl. Arte Doku ab Minute 38).

Fasten und Krebs – Vieles an Forschung passiert

Warum und wie dieser evolutionär angelegte Mechanismus funktioniert, erforscht Valter de Longo, ein Biologe an der University of Southern California. Er hat durch Tests an Mäusen herausgefunden, dass sich Nahrungsentzug positiv auf die Überlebensrate bei Gabe von Hohen Dosen Chemotherapeutika auswirkt. Mäuse, die zumindest 48 Stunden vor der Chemo-gabe „gefastet“ haben, haben um ein vielfaches mehr überlebt als jene, die normal weiter ernährt wurden.

Valter de Longo verweist auch darauf, dass unsere Zellen nach circa 48 Stunden in einen „Schutzmechanismus“ umschalten können. Sind wenig Zucker und Nährstoffe im Blut, wechseln die Zellen in einen anderen Zustand, in welchem sich eine veränderte Genexpression beobachten lässt. Krebszellen hingegen haben durch ihre Mutation dieses evolutionäre Gedächtnis verloren und können hier nicht umschalten. Er konnte zeigen, dass Krebszellen im Vergleich zu „normalen“ Zellen nicht mit dem Unterangebot an Nahrung umgehen können. Während normale Zellen auf das Schutzprogramm umstellen, wollen Krebszellen trotzdem weiter wachsen. Da dies ohne Nahrung nicht gelingt, wird eine Kaskade von Mechanismen in Gang gesetzt, die letztlich zum Tod der Zelle führen. Mehr dazu in diesem Interview (Englisch).

De Longo schlussfolgert, dass wir durch den Nahrungsüberfluss nicht mehr auf die natürlichen Schutz und Abwehrmechanismen, die unsere Körper gespeichert haben, zurückgreifen. Und er postuliert im Gegenzug, dass Fasten und die Umstellung auf „Schutzprogramm“ den Körper unterstützt nach „schlechten“ also z.B. kanzerogenen Zellen zu suchen und sie zu beseitigen. Er verweist aber auch darauf, dass es dazu noch viel Forschung braucht. Zwei Artikel auf Englisch findest du hier und hier.

Eine erste Pilot-Studie mit Menschen wurde am Norris Comprehensive Cancer Center der University of Southern California in Los Angelos von Dr. Tanya Dorff und dem medizinischen Leiter Dr. David Quinn durchgeführt. Dort wurden einige Menschen begleitet, welche vor der Chemotherapie eine kurze Fastenperiode durchgeführt haben. Es zeigte sich, dass alle Proband_innen von deutlich geringeren Nebenwirkungen berichtet haben. Wenn wir hier noch mehr Wissen zur Verfügung hätten, könnte nach dem ärztlichen Leiter Dr. David Quinn, Fasten für eine breite Patientengruppe und über alle Krebsarten hinweg eingesetzt werden. Wenn Fasten die Nebenwirkungen der Chemotherapie reduziert, so eine Idee, könnte die Dosis sogar noch erhöht werden, was natürlich zu einer höheren Effektivität der Therapie beitragen könnte. Derzeit wird an einer klinischen Studie, die wissenschaftlichen Kriterien standhält, gearbeitet.

Auch eine Studie der Charité Berlin und verschiedene Wissenschaftler_innen beschäftigen sich mit den Eigenschaften und Verhaltensweisen von Krebszellen und ihrer Ernährung. In ihrem Tedx-Talk informiert uns Dr. Sophia Lunt, das eine zentrale Erkenntnis, die wir heute haben ist, dass Krebszellen Zucker lieben. Diese Erkenntnis machen sich Ärzt_innen ja auch bei einem PET-Scan zu nutze,also wenn eine CT Untersuchung mit der Gabe von schwach radioaktiven Substanzen in einer Zuckerlösung erfolgt und dann Krebszellen/Tumore im Bild aufleuchten, weil hier am meisten Zucker verstoffwechselt wird.

Einer Studie der Charité in Berlin hat sich mit Krebszellen beschäftigt, die sich nach einer Chemotherapie in einem Zustand befinden, der „seneszent“ bezeichnet wird. Damit ist gemeint, dass die Zellen einen Wachstumstopp einleiten und inaktiv sind, jedoch wieder zu einem späteren Zeitpunkt aktiv werden können, was die Gefahr eines Rückfalls/Rezidivs bringt. Diese Zellen seien besonders „hungrig“ nach Zucker und sterben bei Zuckerentzug ab, während normales nicht kanzerogenes Gewebe eine gewisse Phase von Zuckerentzug locker verkraften kann.

Fazit und meine Erfahrung

Es gibt zum heutigen Zeitpunkt noch kein „gesichertes“ Wissen, durch an Menschen durchgeführte Studien zum Thema Fasten und Krebs. Es lohnt sich aber Ärzt_innen und Krankenhäuser darauf aufmerksam zu machen, dass es diese Ansätze gibt!

Ich habe nach dem Ansehen dieser Doku vor dem dritten und vierten Zyklus meiner Chemotherapie nach BEP Schema gefastet. Es ging mir viel besser bezogen auf Übelkeit und Müdigkeit, bzw. allgemeine Schwäche, als beim ersten oder zweiten Zyklus. Natürlich kann es auch sein, dass das nur mit einem Gewöhnungseffekt zu tun hat oder mit einem Placeboeffekt, z.B. durch das Gefühl selbst etwas beitragen zu können. Aber wie ich auch im Zugang zu ganzheitlicher Medizin zeige, sind das keine Gründe etwas nicht zu tun. Ganz im Gegenteil: Je mehr wir auf geistiger Ebene daran glauben, etwas selbst zu unserer Genesung oder zum Gelingen unseres Lebens beisteuern zu können, desto mehr unterstützen wir unser Immunsystem bei der Arbeit.

Ich habe meine behandelnden Ärzt_innen auf Fasten und Chemotherapie angesprochen / leider per Telefon, da es zwischen den Behandlungszyklen war. Der Arzt, mit dem ich telefoniert habe, hat das Gespräch sofort abgewürgt und gesagt, das sei alles Schwachsinn und gefährlich. Die offiziellen Ernährungsempfehlungen von schul-medizinischer Seite sind ja oft immer noch: Alles essen, viel Eiweiß, Milchprodukte um den Körper zu „stärken“ für die angehende Chemotherapie.
Ich habe deswegen gemacht, was man nicht tun sollte. Ich habe trotzdem gefastet und es meinen Ärzt_innen einfach nicht erzählt. Was natürlich nicht im Sinne einer ganzheitlichen Behandlung ist.

Ich will an dieser Stelle sagen, dass ich dem Arzt keine Vorwürfe machen will, dass er am Telefon so reagiert hat. Ich weiß, wie unglaublich gestresst alle Ärzt_innen die ganze Zeit waren, weil sie so viele Patient_innen betreuen und dass es dazu wenig Wissen gibt. Aber ich als Krebspatient bin auch in einer stressigen Situation und möchte natürlich Ernst genommen werden.
Gerade deswegen wäre aber natürlich eine Verbesserung des medizinisch-onkologischen Systems mit mehr Ressourcen für Ärzt_innen und der Integration von komplementär-medizinischen Zugängen wünschenswert und ein zukunftsweisender Weg.
Es muss den Raum geben, mit seinen Ärzt_innen über solche Dinge zu sprechen, sonst passiert es so wie ich es gemacht habe, dass Menschen auf eigene Faust Dinge ausprobieren, was gut aber auch nicht gut ausgehen kann.
Ich bin jedenfalls vom Fasten überzeugt worden und habe es auch nach der Chemotherapie drei oder vier Mal gemacht. Wie genau erfährt ihr im nächsten Artikel.

Ressourcen

Wilhelmi de Toledo, Francoise / Hohler, Hubert (2010): Buchinger Heilfasten. Die Originalmethode. TRIAS Verlag, Stuttgart

Buchinger, Andreas (2013): Buchinger Heilfasten.TRIAS Verlag, Stuttgart, 3.Auflage

Arte Doku – Fasten und Heilen vom 6.3.2015

Charite Berlin Artikel – Zucker-Entzug lässt Tumorzellen absterben

USC Artikel – Fasting-like diet turns the immune system against cancer

USC Artikel – Fasting weakens cancer in mice

Interview Dr.Valter Longo – „Fasting Cycles Retard Growth of Tumors“


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s