Heilende Gemeinschaften Teil 4 – Um gesund zu sein, braucht es ein ganzes Dorf

Bild zeigt eine Gruppe von Menschen, die einen Maibaum aufstellen

Im vorgehenden Artikel habe ich bereits über meine Erfahrungen in einem buddhistischen Kloster geschrieben und an anderer Stelle etwas darüber berichtet, wie es mich nach Berlin verschlagen hat.

In diesem Artikel möchte ich nochmal vertiefen, was ich in Teil eins bis drei dieser Ressourcenserie schon beschrieben habe; nämlich dass Gruppen und Gemeinschaften ein unglaubliches Potenzial für Heilung und persönliche Weiterentwicklung haben. Der Titel dieses Artikels ist an das nigerianische Sprichwort „Um ein Kind großzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf“ angelehnt. Dieses weise Sprichwort wurde im Westen populär, als die momentan typische Kleinfamilie, mit zwei Elternteilen als „Normalität“ und anzustrebende Familienform in Frage gestellt wurde. Es weist darauf hin, wie Kinder von verschiedenen Erwachsenen und Bezugspersonen profitieren können, und auch so Elternteile entlastet und unterstützt werden. So sind auch im westlichen Gesellschaftssystem neben Eltern, oft auch Lehrer_innen, Kindergartenpädagog_innen, Erzieher_innen, Sporttrainer_innen wichtige Bezugspersonen für Kinder und deren Entwicklung.
Ich finde es gerade passend diese Weisheit auch auf Krankheiten und Heilungsprozesse umzulegen. Und nach dem „plum village“ in Frankreich, bin ich in Berlin auf das nächste „Dorf“ gestoßen, ein Comunity Center für schwule, bisexuelle, trans*idente und queere Männer mit dem Namen „village berlin“. Was hat es mit diesem „schwulen Dorf“ in einer der queersten Metropolen Europa’s auf sich?

Ein Aspekt hat für mich im buddhistischen Kloster in plum village gefehlt, und zwar die Sexualität. Trotzdem in der Tradition von Thich Nhat Hanh eine sehr offene Form von Buddhismus gelebt wird und der Fokus auf Achtsamkeit ist, wirkt der religiöse Rahmen trotzdem sexualfeindlich oder sex-negativ. Sexualität wird zwar, als Lebenskraft verstanden, aber mehr als Eine, die gebändigt, kanalisiert und überkommen werden muss, auf dem Weg zur Erleuchtung. Es gibt diesbezüglich explizite Normen. So wie eine vegane Lebensweise propagiert wird, soll Sexualität in monogamen Partnerschaften gelebt werden und diese sollen der Familien und dem Freundeskreis bekannt und öffentlich sein.
Diese Norm hat in mir sofort etwas getriggert. Wenn bezogen auf Sexualität solche Normen propagiert werden, werden meiner Erfahrung nach sexuelle Bedürfnisse, Themen und Anteile mit Scham besetzt und verdrängt, da sie nicht erwünscht sind. Ich habe deswegen auch nach Orten weitergesucht, in denen meine schwule Identität und Leben und sexuelle Themen genauso willkommen sind, wie meine anderen Anteile. Das war zwar im Kloster bezüglich nicht heterosexuellen Orientierungen gegeben, aber eben nicht bezüglich des Auslebens von Sexualität.

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Und  ist in meinem Kopf ein großer Spalt entstanden. Auf der einen Seite sah ich Achtsamkeit und Spiritualität und auf der anderen Seite schwule Sexualität. Das hat mir Ängste, Zweifel und Stress verursacht, und negativen Stress wollte ich – aus schon hier oft erläuterten Gründen – vermeiden. Und so habe ich weiter gesucht und bin – wie schon beschrieben – im Sommer 2017 auf das Stretch Festival gestoßen, das in den Räumen des village.berlin stattfindet. Das Festival bringt die Angebote, die es im Village das ganze Jahr über gibt, an einem Wochenende und mit 120 Teilnehmenden zusammen. Es gibt Workshops von/über Massage, Tanz, therapeutischen Ansätzen, Körperarbeit, Selbstakzeptanz bis hin zu schamanistischen Ritualen. Dort habe ich zum ersten Mal erlebt, wie so viele Männer auf einmal gemeinsam die spirituellen Anteilen ihrer Sexualität mit Neugierde, Wertschätzung und Achtsamkeit entdecken.

Ich habe Männer kennengelernt, die jeden Tag meditieren und davon berichten, dass sie seit zwei Jahren mehrmals wöchentlich zu Treffen der anonymen Alkoholiker gehen, um ihre Alkoholsucht zu bearbeiten und unter Kontrolle zu haben. Ich habe Männer kennengelernt, die erzählen, wie sie beim „cruisen“ und bei anonymen Sex in einer schwulen Sauna, daran arbeiten freundlich und wertschätzend Nein zu sagen. Ich habe Menschen kennengelernt, die sich mehr und mehr frei machten von internalisierter Homophobie und normativen Bildern von Männlichkeit und einen selbstbestimmten Platz in der Gesellschaft einnehmen wollen. Ich habe erlebt, dass sich Cis-männer und Transmänner über ihre Erfahrungen und Unsicherheiten austauschen. Ich habe gesehen, wie ein schwuler Yoga-Lehrer Mantras rezitiert und einen Workshop besucht, indem man die Genitalien eines Partners mit Liebe und Achtsamkeit hält, ohne dass es um sexuelle Erregung gehen muss, aber kann. Ich nahm an einem Workshop teil, indem 60 Männer erst gemeinsam meditierten, dann fünfzehn Minuten exzessiv zu trashigen Popsongs tanzten und dann in verschiedenen Begegnungen sich gegenseitig auszogen, bis sich dann alle nackt in einem Kreis versammelten, sich an den Händen hielten und sich der Energie und Kraft im Raum bewusst wurden. Und da ist es mir klar geworden: Diese heilsame Energie von Achtsamkeit, Präsenz, Liebe oder wie auch immer mensch es nennt, gibt es auch in der Verbindung mit Sexualität. Ich muss mich hier als schwuler Mann, der Krebs überlebt hat, meine Geschichte nicht verstecken oder zurückhalten. Und ich wusste, dass mir diese Art zu sein und Sexualität zu leben helfen wird, gesund zu bleiben.

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Was hat das mit meiner Krebserkrankung zu tun?

Thich Nhat Hanh lehrt unter anderem, dass der gegenwärtige Moment unser Zuhause ist, in welchem wir in jedem Moment, immer und überall Kraft schöpfen können. Beim Stretch Festival 2017 im Village Berlin habe ich zum ersten Mal erlebt, ein „schwules oder queeres“ zuhause zu haben.
Bis dahin war ich zwar als Aktivist sehr in der queeren Szene aktiv, aber gerade an schwulen Orten habe ich mich selten wirklich zuhause gefühlt. Bei politisch aktiven oder aktivistischen Gruppen hingegen hatte ich oft erlebt, dass es wenig Raum für Freundlichkeit und liebevolle Begegnungen gab. Im „Village“ habe ich zum ersten Mal erlebt, wie ganz unterschiedliche Männer*, die ihre Sexualität unterschiedlich leben, eine neue Kultur erarbeiten, wie queere Männer* sich offen, freundlichen, wertschätzend, authentisch und aus vollem Herzen begegnen können. Es war das erste Mal, dass ich ein Gefühl von Gemeinschaft in einem queer-männlichen Kontext hatte. Und es hat sich unglaublich heilsam und toll angefühlt. Das ist nun schon wieder über ein Jahr her und ich könnte einen eigenen Blog öffnen und nur darüber schreiben, was sich in meinem sexuellen Leben und Erfahrungen geändert hat. Vielleicht mache ich das auch noch, aber das ist hier jetzt nicht der Punkt.

In einem anderen Artikel habe ich ein wichtiges Werkzeug in ganzheitlichen Ansätzen beschrieben, und zwar sich zu fragen,was die eigene Erkrankung für einen bedeutet und welche Hinweise in ihr schlummern. Ich sehe dabei bei meiner Krebserkrankung einen ganz klaren Zusammenhang zu Sexualität. Schließlich habe ich in meinen Sexualorganen diese Krankheit entwickelt. Sex und Sexualität war für mich Zeit meines Lebens ein sehr belastendes Thema. Ich hatte bis zu den Jahren nach meiner Erkrankung nicht das Gefühl wirklich entspannt und erfüllend meine Sexualität leben zu können. Ich hatte sehr viele Ängste, Unsicherheiten, und habe in einer Partnerschaft emotionale Gewalt erlebt. Gleichzeitig hatte und habe ich immer recht viel sexuelle Energie und so war dieses Thema immer sehr präsent bei mir in Form von Ängsten, Spannungen, Überforderung, Scham und vielen weiteren schwierigen Emotionen. Seither und vor allem seitdem ich das village kennengelernt habe, hat sich hier viel gelöst und weiterentwickelt, und ich kann viel entspannter und spielerischer mit meinen sexuellen Anteilen, Skripten, Mustern und Wünschen sein.

Insofern steht für mich außer Zweifel, dass die Teilnahme an Workshops und der Gemeinschaft im Village für mich einen ganz wesentlichen Faktor darstellt, der mich stärkt gesund zu bleiben. Das ist natürlich sehr speziell auf meine Geschichte zugeschnitten, jedoch kann ich eine Ressource daraus verallgemeinern. Bisher habe ich viel über Achtsamkeit als Grundressource für Heilung beschrieben. Das sehe ich jedenfalls noch immer so. Trotzdem gibt es in uns viele spezielle Themen, die mit unserer Geschichte, Persönlichkeit und unserem Lebensweg zu tun hat. Auch als Mensch mit einer Krebserkrankung bin ich ja nicht nur ein Krebspatient, sondern habe weiterhin viele andere Themen und Prozesse und Persönlichkeitsanteile, die mir Energie schenken oder nehmen können.
Bei mir war es wie ein zweiter Schritt eine achtsame Lebenshaltung in diese speziellen Lebensthemen zu integrieren. Für mich war das eben Sexualität, für dich oder andere Menschen hat es vielleicht mit beruflicher Veränderung,  der Aufarbeitung der Famileingeschichte, das Finden von Selbsthilfegruppen, einem gesellschaftlichen Anliegen, künstlerischem Ausdruck, neuen Familien und Lebensformen, oder allem möglichen anderen zu tun. Wenn du es schaffst ein Thema zu identifizieren, das mit der Bewältigung einer Krankheit oder Situation zu tun hat, ist das ein toller Schritt. Vielleicht findest du ja auch noch Gemeinschaften, die dich in deinem Prozess nochmal speziell unterstützen können. Ich wünsche dir jedenfalls weiterhin viel Neugierde zu erforschen, was es braucht um zu heilen, zu gesunden oder dich weiterzuentwickeln.

Ressourcen

Village Berlin

Stretch Festival


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