Über das Heilungspotenzial von sozialen Beziehungen und Gemeinschaften bei Krebs und anderen Erkrankungen – Teil 3 von heilsamen Gemeinschaften

Zu sehen ist eine Pagoda mit Glocke imKloster plumvillage in Südfrankreich
Plum Village -Glockenturm

Wie achtsame Gemeinschaften heilsam sein können

Gerade sitze ich an einem sonnigen Donnerstag in der amerikanischen Gedenkbibliothek in Berlin Kreuzberg und versuche verschiedene Gedanken zu diesem Artikel zusammenzuzimmern. Lange schon wollte ich etwas dazu schreiben, was ich erlebt, und an anderer Stelle schon erwähnt habe. Es gibt Orte, Gruppen und Gemeinschaften, in denen Heilungsprozesse gefördert werden. Und Für mich steht außer Zweifel, dass solche Orte mir geholfen haben und noch immer helfen gesund zu bleiben.

Gestern war ich mich im onkologischen Zentrum der Charité im Benjamin Franklin Campus vorstellen. Dort habe ich einem sehr freundlichen Arzt in kürze meine Geschichte erzählt, damit ich dort weiterhin zur Nachsorge untersucht werden kann. Witzigerweise ist im selben Gebäude auch das Charité Comprehensive Cancer Center. Dort gibt es auch eine Abteilung für Selbsthilfe, mit einer Rubrik von Initiativen von Patient_innen, in die mein Blog aufgenommen wurde. Dazu aber noch mehr an anderer Stelle.
Nach einer sechsmonatigen Pause vom Krankenhaus, wurde ich wieder mit der Realität konfrontiert, dass ich aus Sicht des medizinischen Systems noch immer ein „Krebspatient“ bin und die nächsten drei Jahre noch sein werde, bis ich, nach fünf Jahren Tumorfreiheit, die Diagnose Hodenkrebs offiziell nicht mehr habe. Deswegen gibt es ja die Nachsorge, da man sicherstellen will, dass bei Wiederauftreten der Erkrankung, zeitnah interveniert werden kann.

Während ich in meinem alltäglichen Verständnis vielleicht „fertig“ mit meiner Krebserkrankung bin, bin ich in der medizinischen Welt in der „Erhaltungsphase“, in der die Erkrankung nicht mehr aktiv, aber nich immer vorhanden ist. Umso deutlicher ist mir wieder bewusst geworden, dass ich durch die Dinge, die ich tue, auch jetzt einen aktiven Beitrag leiste, dass keine Krebszellen in meinem Körper aktiv sind. Neben verschiedenen Dingen, die ich teilweise auf diesem Blog schon angesprochen habe und noch ergänzen werde, soll es in diesem Artikel um die Kraft von Gemeinschaft gehen.

Ein buddhistisches Kloster in Südfrankreich

Während meiner Krebsbehandlung habe ich interessanterweise eigentlich wenig oder kein Bedürfnis gehabt, mich mit anderen krebskranken Menschen zu vernetzen. Das lag sicher auch daran, dass ich so viel Zeit im Krankenhaus verbracht habe. Dort habe ich die Leidensgeschichten von vielen Menschen gehört und hatte deswegen kein Bedürfnis in einer Krebsgruppe oder etwas ähnlichen, mich noch mehr auszutauschen.

Etwas drei Monate nach dem Ende meiner Behandlung bin ich auf die Suche nach Meditationstreffen,-kursen und -aufenthalten gegangen. Im Sommer 2016 bin ich dann irgendwie auf den Achtsamkeitslehrer Thich Nhat Hahn gestoßen. Thich Nhat Hanh ist ein sehr bekannter buddhistischer Mönch aus Vietnam. Er wurde dort während des Vietnam Kriegs verstoßen, da er in der Friedensbewegung aktiv war und lebt seither überwiegend in Frankreich. Er war und ist ein Mensch, der sehr viel Wissen über Achtsamkeit in die westliche Welt gebracht und Zugänge zu achtsamen Praktiken für Menschen jeglicher religiöser oder atheistischer Weltanschauung eröffnet hat. Obwohl er Buddhist ist und er in Europa dann auch ein buddhistisches Kloster mit dem Namen „plum village“,also Pflaumendorf oder Zwetschgendorf, in Südfrankreich aufgebaut hat, nimmt in seiner Tradition ein Religionsbekenntnis keinen Stellenwert ein. Es gibt dort also Mönche und Nonnen und buddhistische Rituale, aber es ist den Menschen ganz gleich wie mensch sich selbst versteht. Ein Mönch aus dem plum village hat einmal so etwas gesagt wie: “the great thing about buddhism is, that you don’t have to be a buddhist“. Er sagt also: Das Schöne am Buddhismus ist, dass man dafür kein Buddhist oder Buddhistin sein muss. Das finde ich großartig.

Jedenfalls bin ich über Recherche auf diesen Ort gekommen und habe entdeckt, dass im August 2016 ein einwöchiger Aufenthalt für junge Menschen unter 35 stattfinden wird. Der Aufenthalt wurde von der aus der Tradition von Thich Nhat Hans entstandenen Bewegung junger Menschen organisiert, die „wakeup international“ heißt. Nach kurzer Überlegung habe ich mich für die Meditationswoche angemeldet und bin im Sommer zwei Wochen nach Frankreich gereist.
Das war eine wirklich revolutionäre Erfahrung und ohne Untertreibung eine der besten Wochen meines Lebens. Dort habe ich zum ersten Mal erfahren, wie eine große Anzahl von Menschen eine Gemeinschaft bilden und eine sehr starke achtsame Energie erzeugen können, die extrem heilsam wirkt.

Wie sieht so ein Aufenthalt im Kloster aus?

Es gibt im Plum village ein paar Rahmenbedingungen, denen zugestimmt werden muss. Zum Beispiel gibt es verschiedene Quartiere oder Zeltplätze für Männer und Frauen. Trans*, nicht-binäre und Inter*personen können sich aussuchen, wo sie nächtigen wollen. Es gibt also schon ein heteronormatives Konzept dort, allerdings bemühen sich die Menschen eine queer-freundliche Atmosphäre zu schaffen. z.B. gibt es auch auch offen queer lebende Mönche und Nonnen dort.
Da die Mönche und Nonnen im Zölibat leben, soll kein Sex oder Zärtlichkeiten auf dem Klosterareal ausgelebt werden, genauso sind Alkohol und Drogen verboten. Alle Teilnehmer_innen werden gebeten möglichst auf Smartphones zu verzichten, im allgemeinen Bereich sind sie verboten. Zigaretten Rauchen wird in gewissen Bereichen geduldet und Umarmungen und ein freundlicher Umgang miteinander sind hingegen erlaubt bzw. explizit erwünscht, da auch „hugging meditation“,also Umarmungsmeditation unterrichtet wird. Wie viele Menschen an so einer Woche teilnehmen ist unterschiedlich. Bei meinem Aufenthalt waren ungefähr 450 Menschen dort, also eine ganze Menge!

Jeder Tag hat einen genauen Ablauf, der dort mit dem Wecken um 5:30 begann, ab 6:00 trafen sich alle zur Meditation im Meditationssaal und danach zur Gehmeditation. Danach gab es Frühstück, nochmal Meditation und einen Vortrag mit der Möglichkeit Fragen zu stellen. Danach gab es Arbeitsmeditation und Austausch in Kleingruppen. Am Nachmittag gab es täglich eine geführte Entspannung, und wieder Meditation und Austausch in den Kleingruppen und Arbeitsmeditation. Abends nach dem Abendessen waren verschiedene Aktivitäten, Vorträge und am letzten Abend sogar eine Party mit Musik und Tanzen Teil des Aufenthaltes. Ab 21:30 galt das „edle Schweigen“, das heißt das bis nach dem Frühstück nicht mehr geredet wurde. Damit bietet man eine Struktur, damit sich Teilnehmende besser auf die inneren Prozesse konzentrieren zu können.

Was ich am „Plum village“ ganz toll finde, ist das Konzept von „Dharma sharing“. Dharma ist die buddhistische Lehre und sharing heißt teilen. Dieses fand in den Kleingruppen mit 20 Personen statt. Ich dachte das uns ein Mönch oder Nonne etwas erzählen wird. Hingegen wird „dharma“ dort so verstanden, dass Menschen authentisch von ihren eigenen Gefühlen und Gedanken in der Gruppe berichten. Das war für mich revolutionär. Ich dachte mir, wie schön die Welt sein könnte, wenn religiöse Orte Menschen dazu ermutigen würden, in sich zu gehen und ihre eigenen Gefühle und Gedanken wahrzunehmen und miteinander zu teilen, anstelle den Menschen irgendwelche Interpretationen von uralten Texten und Überlieferungen als Gebote vorzuschreiben.
So habe ich das erste Mal erlebt, wie sich zwanzig fremde Menschen teilweise sehr persönliche und emotionale Anteile anvertrauten und die anderen sich darin übten achtsam, aufmerksam und ohne Wertung zuzuhören.

Dabei entstand eine unglaublich starke Energie. Ich habe so viele liebe Menschen innerhalb von ein paar Tagen kennengelernt und extrem viel Kraft schöpfen können. Ich habe mich einfach angenommen, akzeptiert und geliebt gefühlt und dachte, dass alles Sinn hat und ich alles schaffen kann. Es war wirklich eine sehr tolle Woche mit Begegnungen, die mich prägten und wo ich Kontakte geknüpft habe, die teilweise noch immer anhalten.

Aber auch das Kollektiv war beeindruckend. Wenn fünfhundert Menschen gemeinsam meditieren entsteht eine andere Energie, als wenn man allein am Morgen zuhause etwas sitzt. Ich tue mir gerade schwer das so zu beschreiben, dass es nicht total abgedreht klingt. Es ist genauso wie bei einem Konzert oder einem Sportmatch, wenn viele Fans gemeinsam sind. Es entsteht eine kollektive Energie durch das Teilen dieses Moments. Im gewissen Sinne ist das im Kloster nicht anders gewesen. Nur geht es nicht umbedingt darum, zwei Stunden auf einem „High“ zu schweben oder kurz die Welt um sich zu vergessen. Wenn hunderte Menschen zusammenkommen mit dem Ziel achtsam zu sein und sich gegenseitig dabei zu unterstützen, werden erhebliche Energien freigesetzt, die jedes Individuum wieder für den eigenen (Heilungs-)prozess nutzen kann.
So sehe ich diese Woche im Kloster für mich als wichtigen Beitrag zur Rehabilitation und ich sehe darin genauso einen Beitrag gesund zu bleiben, und damit das Wiederauftreten der Krebserkrankung zu verhindern. Das ist natürlich nur meine Überzeugung und nicht beweisbar, aber das ist ja auch vollkommen egal, solange es funktioniert und ich gesund bin.

~

Die intensiven Erfahrung im Kloster haben sich tief in mein Gehirns eingeschrieben. Ich bin in Wien dann noch lange zu einer „Wake up Gruppe“ gegangen, die in der Tradition des plum village meditiert. Solche Gruppen gibt es auch in vielen anderen Städten, sodass ich auch schon in Berlin und Katalonien in diesem Rahmen meditieren konnte. In dieser Gruppe habe ich also eine Gemeinschaft gefunden, in der ich gewisse Erfahrungen, Erlebnisse und Zugänge zur Welt, teile. Durch dieses verbindende Gemeinsame, konnte und kann ich an so manche sehr tiefgehende Erfahrungen, die ich im Kloster gemacht habe, wieder andocken. Das ist ein besonders toller Effekt, der die heilsame Wirkung nochmals vertieft und verlängert.

Conclusio

Im Endeffekt ist es ja auch wieder keine große Neuigkeit. Wie bei allem gilt: wir Menschen sind soziale Wesen und gegenseitig aufeinander angewiesen. Wir können uns das Leben gegenseitig zur Hölle machen oder uns in unseren Prozessen gegenseitig unterstützen.Nicht nur um von Krebs zu heilen, sondern ganz allgemein brauchen wir Menschen und unsere Gesellschaft eine Veränderung bzw. Transformation hinzu diesem Verständnis.

Es gibt viele Wege in die eigene Kraft zu kommen. Meditation & Achtsamkeit und ein Aufenthalt in einem Achtsamkeitszentrum oder Kloster sind nur eine Möglichkeit von vielen. Ich möchte aber alle Menschen bestärken nach Orten, Gruppen, Gemeinschaften usw. zu suchen, die Halt, Unterstützung, Liebe, Achtsamkeit und Lebensfreude fördern und dich bei deiner persönlichen Entwicklung unterstützen. Es gibt viele solche Orte und auch den passenden für dich,um dich auf deinem Weg zu unterstützen!

Im nächsten Teil des Artikels werde ich gleich noch mehr über meine Erfahrungen eines solchen Gruppenprozesses geben, der sogar dazu geführt hat, dass ich nach Berlin umgezogen bin. Einstweilen wünsche ich Dir alles Liebe und viel Kraft auf deinem Weg!

Ressourcen

https://plumvillage.org/
„Plum village“ Buddhistisches Kloster in der Tradition Thich Nhat Hanhs

https://wkup.org/
Wake up international. Young Buddhists and Non-Buddhists for a healthy & compassionate society.

https://www.eiab.eu/
European Institute for Applied Buddhism. Achtsamkeitszentrum in der Nähe von Köln

http://www.bzs.at/
Buddhistisches Zentrum Scheibbs / Niederösterreich


6 Gedanken zu “Über das Heilungspotenzial von sozialen Beziehungen und Gemeinschaften bei Krebs und anderen Erkrankungen – Teil 3 von heilsamen Gemeinschaften

  1. Hallo Lukas, ich habe auch schon einiges von Thich Nhat Hanh gelesen und habe Deinen Beitrag mit großem Interesse gelesen… kennst Du eventuell von Joachim Faulstich „Rätselhafte Heilung. Wunder an den Grenzen der Medizin“ und „Das heilende Bewusstsein.“? Ich kann seine Bücher nur empfehlen, es geht hier nicht um Scharlatanerie oder Esoterik, sondern Faulstich hat ganz seriös unterschiedlichste Faktoren gesammelt und analysiert, die zur Heilung beitragen, aber nicht zwingend schulmedizinisch erklärbar sind. Vielleicht ist das ja was für Dich… viele Grüße, Merle

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    1. Hallo Merle, danke für deinen lieben Kommentar. Ja Thay und seine Anhänger_innen haben schon tolle Dinge und Weisheiten in die Welt gebracht. Ich kenne die beiden Bücher tatsächlich nicht und werde da vielleicht mal reinschauen, wenn ich einen ruhigen Moment dafür habe. Danke für das Teilen 🙂 Liebe Grüße, Lukas

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  2. Lieber Lukas,

    danke für den tollen Beitrag!! Mein Sohn hat mir einen Film über Plum Village geschenkt, den muss ich jetzt unbedingt mal anschauen… er selbst geht immer nach Eisenbuch in Bayern in ein buddhistisches Kloster – ich find´s einfach super, dass so junge Leute wie du und er (er ist 27) damit etwas anfangen können – da ist noch so ein langes Stück Leben vor Euch, in dem Ihr davon profitieren könnt!! 🙂
    Und sagt dir Anita Moorjani etwas ? Vorgestern habe ich ein Video auf Youtube angeschaut, das ich dir wärmstens empfehlen möchte – sie hat Krebs gehabt, dadurch eine Nahtoderfahrung und sie beschreibt darin unter anderem so anschaulich und freundlich, was sie tut, um nicht Angst zu haben, dass der Krebs wiederkommt – was nämlich der Effekt dessen sein kann, dass die Ärzte einen immer wieder einbestellen… das Video heißt “ The healing power of transformation“ ! Alles Gute Dir!

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    1. Liebe Carola,
      Danke vielmals für deinen lieben Kommentar. Ja es gibt immer mehr junge Menschen, die sich für achtsamkeit interessieren. Ist ja auch dringend notwendig 🙂 Anita Moorjani kenne ich seit zwei Jahren. Ich habe ihr Buch „dying to be me“ gelesen und als Hörbuch angehört und finde das wirklich ganz toll.Es gibt auch viel Forschung zum Thema Nahtod und da wird ja immer wieder herausgearbeitet,dass alle Menschen egal welches Kulturkreises und Glaubens oder Sozialisation ähnliche ERfahrungen im Nahtod machen. Ich habe schon einen Artikel über Anita und das Thema Tod im Kopf, der nur noch geschrieben werden muss hehe.Danke nochmal und liebe Grüße, Lukas

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