Mitgefühl mit sich selbst entwickeln – Teil 2 – eine Revolution beginnen

Das Bild zeigt einen Kohlrabi in Herzform

“In a society that profits from your self doubt, liking yourself is a rebellious act”
„In einer Gesellschaft, die von deinen Selbstzweifeln profitiert, ist sich selbst zu mögen, ein Akt der Rebellion“
Caroline Caldwell

Ich möchte in diesem Artikel nochmal ein paar Gedanken und Ideen zu bedingungsloser Selbstakzeptanz / Mitgefühl für sich selbst / Eigenliebe oder wie auch immer du dazu sagen willst, anführen. Ich bin überzeugt, dass sich selbst anzunehmen und wertzuschätzen nicht nur hilfreich ist, um von einer Krankheit heilen zu können um wieder „normal“ im Alltag zu funktionieren. Wie schon im obigen Zitat ersichtlich ist, denke ich: Sich selbst zu mögen, anzunehmen und sanft und liebevoll zu behandeln ist für mich eine Revolution. Wir brauchen eine liebevolle Art mit uns selbst umzugehen, nicht nur damit wir glücklich sind und uns gut fühlen, sondern auch als Basis dafür unsere Mitmenschen, unsere Gesellschaft und unseren Planeten zu „heilen“. Falls du den Ressourcenartikel zu diesem Thema noch nicht kennst, findest du ihn hier.

Eine Geschichte über bedingungslose Liebe

Ich möchte mit einer Geschichte von Ajahn Brahm, einen buddhistischen Mönch, der in Australien lebt, starten. Ich habe diese Geschichte in einem Vortrag vom ihm zusammen mit lieben Menschen bei einem Meditations-retreat im Sommer 2017 gesehen. Er erzählt von einer Geschichte aus einer buddhistischen Schrift aus der Zeit des Buddha, die er für fundamental für unsere heutige Gesellschaft hält. Ich finde sie absolut großartig und deswegen möchte ich sie hier vorstellen. Du kannst sie hier unter „unconditional love“ nachlesen.

Es gab sieben Mönche, die in einer Höhle im Dschungel meditierten. Die Gruppe bestand aus dem leitenden Mönch, seinem Bruder, seinem besten Freund, seinem Feind, einem alten Mönch, einem kranken Mönch und einem „nutzlosen“ Mönch, der im Kloster nichts auf die Reihe bekommt.

An einem Tag entdeckt eine Gruppe von Dieben die Höhle. Sie erachten sie als perfekt, um sich vor der Polizei zu verstecken. Sie treffen auf die Mönche und drohen sie alle umzubringen. Der leitende Mönch hat ein großes Redegeschick und konnte die Räuber soweit bringen, dass sie nur mehr einen Mönch als „Warnung“ umbringen wollten. Die Räuber würden die Anderen frei lassen, aber wenn sie den Ort der Höhle verraten würden, würden die Diebe die Mönche suchen und auch umbringen. Als Beweis, dass sie es ernst meinen, würden sie eben einen Mönch gleich töten.
Der leitende Mönch soll nun entscheiden, welchen der Gruppe er für das Leben der sechs anderen opfern soll. Er erzählte den anderen Mönchen von seinem Dilemma.

Im Vortrag unterbricht Ajahn Brahm die Geschichte nun und fragt die Menschen im Publikum, für wen sie sich entscheiden würden? Wen wird der leitende Mönch opfern? Dasselbe möchte ich nun auch dich fragen. Wie würdest du dich entscheiden? Nimm dir vielleicht ein paar Atemzüge Zeit und gehe nochmal die sieben Mönche und damit Möglichkeiten durch.

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Beim Anhören der Geschichte, dachte ich sofort: Die richtige Antwort ist, dass er sich selbst opfern wird. Das ist auch die Antwort, die die meisten Menschen anscheinend geben. Ajahn Brahm sagt nun, dass diese Antwort einen fundamentalen Fehler unserer Gesellschaft und unserer Psyche offenbart. Wir sind viel zu schnell bereit uns selbst zu vernachlässigen, zu opfern, hinten anzustellen, Bedürfnisse und Wünsche zu unterdrücken usw.

Die Geschichte endet damit, dass der leitende Mönch den Räubern erzählt, dass er keine Entscheidung treffen kann, weil er alle in der Gruppe, also seinen Bruder, seinen besten Freund, seinen Feind, den alten Mönch, den kranken Mönch und den nutzlosen Mönch und sich selbst genau gleich und bedingungslos liebt. Es gibt keinen, den er mehr oder weniger liebt. Sein Mitgefühl und seine Liebe waren gleich für sich und für alle anderen.
Die Geschichte endet so, dass der leitende Mönch seine Gefühle offen mit dem Anführer der Räubergruppe teilt. Dieser ist daraufhin dermaßen gerührt, dass er die Verfehlungen seines Tuns erkennt. Er und die Hälfte der Gruppe werden Mönche und der andere Teil der Gruppe geht wieder einer Arbeit im Dorf nach.

Ajahn Brahm spricht an, ob das nicht eigentlich eines der Grundlehren des Christentums und Jesus ist. Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst. Es heißt nicht „liebe deinen Nächsten mehr als dich selbst“ oder liebe deinen Nächsten, aber dich zuerst. Es heißt, liebe deinen Nächsten wie dich selbst, also genau gleich.
Wir brauchen Mitgefühl und Liebe für uns selbst, damit wir auch mit Mitgefühl und Liebe anderen Menschen begegnen können, damit wir Organisationen und Institutionen mit Liebe und Mitgefühl und letztendlich die gesamte Gesellschaft mit Liebe und Mitgefühl erneuern können.

Mitgefühl und Liebe für uns selbst

Wenn viele Menschen sofort daran denken, sich selbst zu opfern bringt das ein großes Problem in der heutigen Gesellschaft zum Ausdruck. Wir behandeln andere mit Liebe, Sanftheit, wir vergeben anderen, wir sagen ihnen „lass es los“ etc. aber wir können uns selbst nicht liebevoll und sanft behandeln, vergeben oder loslassen.
Das wird dann oft zu einem Problem, da wir nicht wirklich authentisch so fühlen. Brene Brown sagt auch, dass die empathischsten Menschen, auch gleichzeitig diejenigen sind, die am klarsten Grenzen setzen können. Darüber werde ich bald noch genauer eingehen. Meiner Erfahrung nach entstehen bei mir Wut, Enttäuschung, Bitterkeit, Vorwürfe, Abwertung von anderen oft daraus, dass ich meine Gefühle unterdrücke, mich nicht damit auseinandersetze oder über meine Grenzen gehe. Dann werde ich wütend, vorwurfsvoll und ohne Verständnis anderen gegenüber und versuche andere zu beschuldigen oder zu bewerten.

Ein Missverständnis, das Ajahn Brahm thematisiert, ist die Idee, dass sich selbst zu lieben irgendwie narzisstisch ist oder uns gar davon abhält,  ein „besserer Mensch“ zu werden. Wenn wir quasi schon perfekt sind und alles gut ist, wozu sollen wir uns dann Kritik anhören oder versuchen etwas besser zu machen oder zu lernen? Narzissmus ist für mich nur eine Möglichkeit von inneren Minderwertigkeitsgefühlen oder der Ablehnung von sich selbst, umzugehen. Manche Menschen werden depressiv, manche Menschen machen sich klein und manche werden narzisstisch. Das zugrunde liegende Selbstwert-Thema ist vielleicht gar nicht so unterschiedlich.

Ich glaube, dass wir „schlechte“ oder negative Verhaltensweisen manifestieren, eben weil wir als Menschen nicht perfekt sind, ein Ego und Verstand haben und nur die wenigsten Menschen „Erleuchtung“ erfahren und damit wirklich aus allen Ego-spielen, Attacken, Be- und Abwertungen etc. aussteigen können. Im vorangegangenen Artikel stelle ich vor, dass alle Anteile ins Bewusstsein einzuladen der erste Schritt für Heilung und mehr Authentizität sein kann.
Ajahm Brahm entgegnet zu der Narzissmus Frage, dass wir kein großes Ego bekommen, wenn wir uns selbst lieben, sondern ein großes Herz, mit dem wir auch dann für andere Menschen da sein können. Er fasst die Bedeutung von Selbstliebe und Mitgefühl für sich selbst, für die eigene Fähigkeit auch für andere da zu sein, sehr treffend zusammen: „Be kind to yourself, be compassionate towards yourself, so you won’t be such a pain in the arse for others“

Mitgefühl und Liebe für andere

Ebenso ist es, denke ich auch bei Menschen, die in krasser Form Gewalt ausüben, andere verletzen oder sonst irgendwie starkes Leid verursachen. Sie brauchen eigentlich besonders viel Unterstützung darin, ihre innere Gefühlswelt, Ängste, Schmerzen usw. anzunehmen. Das ist eigentlich auch ein Kerngedanke Sozialer Arbeit, was ich studiert habe.

Ein lieber Freund von mir Lian Brugger hat mir bei einem Gespräch letztens gesagt, dass er Soziale Arbeit eigentlich als Liebesarbeit bezeichnet. Er hat mir von seiner Arbeit in einem Bildungsprojekt für Jugendliche, die in keiner Ausbildung oder Beschäftigungsverhältnis sind, erzählt. Er erzählte, wie erstaunt er immer wieder darüber ist, was in ein paar Monaten Arbeit mit Jugendlichen, bezüglich emotionaler Kompetenz weitergeht. Es geht ganz viel darum, besonders männlichen Jugendlichen, die sehr viel Aggression/ Wut zeigen oder Gewalt ausüben/ ausgeübt haben, zu unterstützen hinzuspüren, was in ihnen da ist, und sie als Wesen ganzheitlich mit Wertschätzung und Respekt zu begegnen. Für viele Jugendliche ist das eine ganz neue Erfahrung und es passieren viele „kleine“ Wunder.
Diese Erzählung fand ich sehr schön. Das ist, worum es eigentlich geht, Liebesarbeit. Nun ist aber logisch, dass ich nicht andere Menschen diesbezüglich unterstützen kann, wenn ich mir selbst keine Wertschätzung, Liebe und Mitgefühl entgegen bringe.

Durch Ajahn Brahm habe ich noch tiefer verstanden. Die einzige Möglichkeit auf die ganzen abstrusen, furchtbaren Dinge, die ständig in unserer Welt und Gesellschaft passieren angemessen reagieren zu können ist, sein Mitgefühl und Verständnis, die Wertschätzung für sich selbst und die eigene Liebesfähigkeit und Achtsamkeit zu stärken.
Ich habe durch meine Geschichte und Erkrankung erkannt, wie hart und lieblos ich mir selbst gegenüber war und wurde quasi „gezwungen“ hier etwas zu ändern. Ich bin überzeugt davon, dass ich nicht überlebt hätte, wenn ich so weiter gemacht hätte, wie bisher.

Diese Webseite transportiert hoffentlich auf vielen Ebenen diesen sanften und mitfühlenden, sich selbst liebenden Zugang. Für mich war es innerlich eine Revolution diese Dinge zu lernen. Ich bin auch selbst noch immer auf einem Weg dies mehr und mehr zu leben. Ich bin überzeugt, dass je mehr Menschen sich mit diesen Zugängen und Haltungen beschäftigen und auseinandersetzen, es irgendwann möglich ist, eine Welt ohne Umweltzerstörung, Krieg, Gewalt, Hass, Diskriminierung und Ausgrenzung und sozialer Ungleichheit zu schaffen. So, join the revolution!

Quellen

Auschnitte aus Ajahn Brams Buch „Who ordered this truckload of dung“


2 Gedanken zu “Mitgefühl mit sich selbst entwickeln – Teil 2 – eine Revolution beginnen

  1. Lieber Lukas,

    das ist eine wunderbare Geschichte, finde ich, die Brahm erzählt, die ich so schnell nicht vergessen werde. „Liebe dich selbst!“ ist schnell gesagt, aber wie das dann konkret aussieht – dafür braucht man Beispiele! Herzlichen Dank dafür!
    Kennst Du vielleicht auch Kristin Neff und Christopher Germer? Die beiden Psychologen haben ganz viel über „Selbstmitgefühl“ geforscht und ihre Bücher sind auch hochinteressant, finde ich – denn sie konnten nachweisen, dass es genau so ist, wie du schreibst: Durch Selbstliebe wird man nicht egoistsich, sondern empathischer, man bekommt ein großes Herz – für sich und andere.
    Ich bin gespannt auf weitere Beiträge von dir!

    Liebe Grüße!
    Carola

    Gefällt mir

    1. Hallo Carola, Vielen Dank für den lieben kommentar und deine Tipps.Ich habe gerade etwas zu den beiden recherchiert und werde mir ein paar Videos und Seiten genauer ansehen. Dann ergänze ich die Ressourcen und Links. Ich werde aber auch darauf hinweisen dass die Infos von Dir sind 😉 Ja ich bin davon überzeugt, dass Mitgefühl für sich selbst einer der zentralen Wege sein wird, etwas zu verändern individuell und global. Momentan fällt es mir gerade sehr schwer mitfühlend mit mir zu sein und die politische Situation in Österreich deprimiert mich. Aber umso wichtiger, an self compassion zu arbeiten 🙂
      Die Geschichte von Ajahn Brahm ist wirklich großartig. Deswegen habe ich sie ausgewählt 🙂 Ich wünsche Dir auch schöne Feiertage / Weihnachten. Bis bald!!! Lg

      Gefällt 1 Person

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