Mitgefühl mit uns selbst entwickeln – Teil I – Alle Anteile einladen

Das Bild zeigt einen Kohlrabi in Herzform

„The most powerful healing arises from the simple intention to love the life within you, unconditionally, with as much tenderness and presence as possible“
Tara Brach

Meiner Erkenntnis nach ist die Bereitschaft zu vollkommener Akzeptanz von uns Selbst, zusammen mit Achtsamkeit, die absolute Basis für Heilung. Und ich denke weiters, dass es der einzige Weg ist, auch diese Gesellschaft und diese Welt zu heilen.
Es gibt unzählige Bücher, Zugänge und Heilungsarbeit mit dem Ziel, sich selbst anzunehmen und mehr zu lieben. Ich habe da selber wenig Überblick, aber es gibt viele verschiedene Ansätze und manche werden eher zu dir passen als andere. Ich verwende dafür, wie auch verschiedene Lehrer_innen, verschiedene Begriffe, wie Selbstliebe oder radikale Akzeptanz von sich selbst oder Mitgefühl/ Sanftheit/ liebevoller Umgang mit sich selbst. Such dir den Begriff aus, der für dich am besten passt.

Alle der spirituellen Lehren, die ich auf diesem Blog vorstelle, fußen darauf. Es ist dieselbe Botschaft, nur unterschiedlich verpackt. Louise Hay, die gerade Ende August 2017 verstorben ist, hat gelehrt, wie wichtig Selbstliebe ist, und dafür unter anderem Arbeit mit Affirmationen entwickelt. Byron Katie wurde mit dem Slogan „loving what is“ berühmt. Anita Moorjani spricht nach ihrem Nahtoderlebnis davon, dass unsere Aufgabe ist unsere Einzigartigkeit auf diesem Planeten auszuleben. Die buddhistische Lehrerin Tara Brach, von der auch das obige Zitat stammt, schreibt über radikale Akzeptanz als Grundlage für Achtsamkeit.

In diesem Artikel möchte ich besonders auf ein paar Gedanken von Ajahn Brahm eingehen. Ajahn Brahm ist ein buddhistischer Mönch, der mit seinen sehr humorvollen und witzigen Vorträgen in der buddhistischen Community recht bekannt geworden ist. Er plädiert für einen Shift von „mindfulness“ zu „kindfulness“, also zu liebevoller Achtsamkeit oder „Mitgefühl mit sich selbst“ (auf engl. self compassion). Er erinnert mich auch an meine Woche im Kloster „plumvillage“ in Frankreich, wo Mönche und Nonnen so viel Liebe, Freundlichkeit und Glück ausgestrahlt haben. Auf Deutsch gibt es von ihm ein Buch mit dem Titel „Öffne die Tür zu deinem Herzen“.

1. Empathie für uns selbst– wir sind nicht perfekt

Während meiner Erkrankung habe ich begonnen, mich mit der Arbeit der amerikanischen Heilerin Louise Hay zu beschäftigen. Ihr zentrale Botschaft ist, dass man sich selber heilen kann, wenn man lernt sich zu lieben und positiv zu denken. Am Beginn habe ich mich sehr an dem Wort allein gestoßen. “Sich selbst zu lieben“ klang so abgedroschen. Vielleicht geht es auch dir so. Es ist meiner Meinung nach leichter mit dem Begriff „Selbstakzeptanz“ oder „Empathie und Mitgefühl mit sich selber“ wie das z.B. Ajahn Brahm oder Tara Brach machen, zu arbeiten.

Das sich selbst zu lieben etwas Fundamentales ist, ist irgendwie eine Binsenweisheit und gleichzeitig auch nicht, die wenigsten tun es wirklich oder verwechseln es mit Narzissmus. Ich habe schon als Jugendlicher gehört und gewusst, dass man nur einen Partner oder Partnerin lieben kann, wenn man sich selbst liebt. Aber es klang eben immer so abgedroschen und nicht so leicht zu verstehen, was das wirklich heißt.
Ich erinnere mich gerade an meine erste Beziehung als ich 18 war. Ich war mit einem Jungen zusammen, bei dem sehr viele Minderwertigkeitsgefühle präsent waren. Im Endeffekt ist die Beziehung daran gescheitert. Es war sehr schwer für mich mit einem Mensch zusammen zu sein, der sich selbst ständig abwertet, klein macht und diese Akzeptanz durch mich zu bekommen versucht. Insofern habe ich hier schon sehr früh eine Lektion gelernt.
Es war sicher auch kein Zufall, dass ich mit diesem Partner zusammen war. Was ich noch nicht erkannte, war dass ich selbst auch sehr viele solche Anteile in mir hatte. Die Auseinandersetzung mit diesen Gefühlen fand auf einer wirklich tiefgründigen Ebene erst durch meine Erkrankung statt. Etwas worüber ich heute richtig dankbar bin und mir – glaube ich – auch das Leben gerettet hat.

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Ajahn Brahm hat mit sehr vielen verschiedenen Menschen, wie psychisch Erkrankten, Gefängnisinsassen, Überlebenden von Vergewaltigung und Folter gearbeitet. Eine Metapher, die ich sehr schön finde, ist die eines Baumes. Er hat bei einem Vortrag in einer psychiatrischen Einrichtung die Patient_innen gebeten, nach draußen in den Park zu gehen und einen perfekten Baum zu finden, ohne knorrige Äste, mit geradem Stamm, ohne abgestorbene Äste, ohne kaputte Blätter etc. Er nimmt dieses Beispiel als Metapher auch für uns Menschen. Wir alle machen Fehler, wir haben Probleme, wir haben schlimme Dinge erlebt oder unser Körper ist nicht perfekt. Das macht uns echt, authentisch und liebenswert. Die Bäume sind wunderschön, so wie sie sind, und genauso ist es mit uns Menschen.
Damit wir uns also selbst lieben können, ist es notwendig unsere Ideen/ Konzepte zu Perfektion, Vollkommenheit und Schönheit zu ändern.

2. Mitgefühl und Empathie für sich selbst durch Akzeptanz aller Anteile

Das BIld zeigt eine offene Tür zu einem bewachsenen SteinhausAjahn Brahm berichtet in einem seiner Bücher von einer sehr emotionalen Erfahrung als 13-Jähriger Bursche. Sein Vater sagte zu ihm etwas wie: „Sohn, egal wohin du gehst, egal was aus dir wird, die Tür zu meinem Haus, steht dir immer offen“. Was sein Vater damit sagen wollte ist: Sohn, die Tür zu meinem Herzen wird immer offen sein. Ich liebe dich bedingungslos, egal was du tust oder was aus dir wird. Es war seine erste Erfahrung von bedingungsloser Liebe.

Ich weiß von mir, dass ich einigen Freund_innen schon einmal oder öfters gesagt habe, dass sie immer zu mir kommen können, egal was passiert ist. Mit anderem Worten; das die Tür meines Herzens immer offen für sie ist. Ich weiß auch, dass es einige Menschen in meinem Leben gibt, die zu mir so etwas in ähnlichem Wortlaut gesagt haben. Ajam Brahm nimmt diese Erfahrung und geht nun einen Schritt weiter.

Wenn wir einer anderen Person sagen können, dass sie immer zu uns kommen kann, wenn sie etwas braucht; können wir das dann nicht selbst auch zu uns sagen?
Brahm hat viel mit Überlebenden von den schlimmsten Dingen, die Menschen erleben können gearbeitet, wie z.B. Vergewaltigung und Folter. Er und Menschen, die mit ihm arbeiten haben eine Methode entwickelt, die mich sehr berührt.

Eine machtvolle Metapher – Das Flugzeug und die Treppe

Ich möchte hier diese Visualisierungsmethode vorstellen, die mit einer Flugzeugtreppe-Metapher arbeitet. Brahm schlägt vor, sich ein kleines Herz vorzustellen. Das Herz verfügt über eine Doppeltür. Du öffnest nun diese Tür und damit dein Herz. Aus dieser geöffneten Tür fährt nun wie bei einem alten Flugzeug eine Treppe hinunter (du kannst dir auch eine Rampe vorstellen, die barrierefrei ist). Am Boden befinden sich alle schmerzlichen Erfahrungen und Anteile, die es in deinem Leben gibt und gab:

  • Dinge, die dich verletzt, traumatisiert und krank gemacht haben.
  • Alles, was du gemacht hast, für das du dich schämst.
  • Alle Anteile, die du versucht hast wegzuschieben und zu verdrängen.
  • Alles, was du „reparieren“, „heilen“, ungeschehen machen oder zu leugnen versucht hast.

Stell dir nun vor, dass all diese Anteile kleine Versionen von dir selbst sind. Wie fühlen Sie sich? Für mich und wahrscheinlich viele andere Menschen fühlen sie sich meist allein, ungeliebt und verängstigt.

Nun kannst du sagen: „Kommt herauf, ich lade euch ein zurückzukommen. Die Tür meines Herzens wird immer offen für Euch sein. All der Schmerz und das Leiden, kommt herauf, auch für euch ist die Tür offen“.

Nun stell dir vor, die heilen, positiven und starken Anteile stehen oben auf der Treppe um die anderen zu begrüßen und zu umarmen. Die verletzten Anteile brauchen Liebe, und ein Gefühl willkommen zu sein. Es gibt ein wunderbares Zusammenkommen und kein einziger Anteil bleibt am Boden zurück. Das ist eine wahre Katharsis.

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Den Vortrag, auf den sich dieser Artikel stützt, habe ich bei einer Achtsamkeitswoche mit meiner Meditationsgruppe gesehen. Wir waren alle sehr bewegt und haben uns nach dem Video viel ausgetauscht. Meine Mit-praktizierende Hannah Broessler hat dann etwas sehr starkes gesagt: Sie meinte: „Wenn ich alle meine Anteile einlade, dann bin ich nicht mehr in der Opferrolle / Opferhaltung. Ich werde handlungsfähig und kann für mich/ meine Situation Verantwortung übernehmen. Auf Englisch heißt Verantwortung „respons-ability“, also die Fähigkeit zu antworten, zu reagieren. Mit Empathie für mich selbst und bedingungsloser Akzeptanz aller meiner Anteile, nehme ich mir meine Fähigkeit zurück auf eine Situation angemessen zu reagieren.“

Wie sieht es da bei mir aus?

Kann ich zu mir selbst sagen: Lukas, egal was passiert, egal was sich tut, egal was in deinem Leben auftaucht, egal welcher Anteil, und sei er noch so schmerzhaft, auftaucht; die Tür zu meinem Herzen wird immer offen für dich sein?
Ganz ehrlich muss ich erkennen, dass ich dieser Aussage nicht 100% zustimmen kann. Auch nach all dem, was ich durchgemacht und gelernt habe. Ich kann jetzt schon viel eher zustimmen, als vor einem Jahr oder zwei oder fünf. Aber ich bin selbst noch auf einem Weg diese Art von Sanftheit, und liebevolle Art mit mir selbst, zu kultivieren.

Das was in meinem Leben passiert / passiert ist, meine Erfahrungen, machen mich zu der Person, die ich bin. Ich kann Platz für alle Anteile schaffen. Es ist simpel, aber gleichzeitig nicht einfach. Jon Kabat-Zinn sagt über Achtsamkeit, und dem „Sein“ mit dem was ist, dass es „die schwierigste Arbeit unseres Lebens ist“. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Meditation, Achtsamkeit und spirituelle Entdeckungen mich bei diesem Prozess unterstützen, es jedoch auch die professionelle Unterstützung durch ausgebildete Therapeut_innen braucht.

3. Meine persönliche Erfahrung mit dieser Arbeit

Jetzt, wo ich mich mit liebevoller Achtsamkeit beschäftige, denke ich daran, wie das genau die Arbeit war, die ich gemeinsam mit meiner Energetikerin Waltraud Eggenberger und mit Bojana Vuleta, einer Therapeutin gemacht habe. Ich denke, dass diese Visualisierung mit der Treppe wunderbar ist. Aber wir brauchen meistens Unterstützung dabei, alle Anteile wirklich einzuladen. Je schwieriger oder traumatisierender die Anteile, die wir annehmen/zurück einladen wollen, desto eher wird therapeutische Unterstützung sinnvoll sein. Wir können und müssen in solchen Heilungsprozessen nicht allein bleiben.

In meinem Prozess mit den beiden Heiler_innen ging es ganz oft darum, mich selbst wie ein Gefäß zu verstehen, das viele Anteile hat. Es gibt einen zufriedenen Lukas, einen entspannten Lukas, einen Wütenden, einen Verletzten, einen der x denkt, einen der den Gedanken y denkt. Alle sind gleichzeitig da und es ging darum, auch die verletzlichen, dunklen, gemeinen, aggressiven, selbstzerstörerischen, angreifenden, einfach alle einzuladen.

Wir haben eigentlich auch viel mit Visualisierungen gearbeitet oder ich wurde gefragt, wie dieser Anteil aussieht. Entweder habe ich ein Ding / Gegenstand gesehen oder eine Version von mir als Kind oder Jugendlicher oder Erwachsener. Letzten endlich ging es immer darum Wertschätzung und Akzeptanz entgegenzubringen. Beispielsweise habe ich mir vorgestellt, wie ich den Anteilen dafür danke, dass er da war und ist. Er hat sicher zu einem Zeitpunkt Sinn ergeben und ich darf jetzt von ihm lernen. Oft hatte ich dann das Gefühl, dass die Anteile selbst traurig oder verletzt sind und eigentlich meine Liebe und Aufmerksamkeit brauchen. Ich habe dann visualisiert, dass ich sie in Liebe einhülle und in mein Herz hineinziehen. Also eigentlich, genau das Bild, das Ajam Brahm mit der Treppe und dem Flugzeug beschreibt.

Ich weiß noch genau wie oft ich bei den Sitzungen sehr abwertende und beschämende Gedanken gehabt habe. Wenn etwas Unangenehmes aufgetaucht ist, habe ich mich oft dann dafür noch geschämt oder mich abgewertet, dass irgendein Thema „noch immer nicht“ bearbeitet ist. Ich habe mir viele Vorwürfe gemacht, warum ich nicht schon früher entdeckt habe, dass ich Krebs habe oder es so weit kommen konnte. Ich wollte immer besser sein und war nicht zufrieden wie es momentan ist oder dachte „ich sollte schon weiter sein“ etc.
Besonders durch die Arbeit mit Bojana Vuleta habe ich erkannt, dass ich nicht empathisch genug mit mir umgehe und gelernt, dass das ein Ziel für mich ist, hier anders zu reagieren.

Jedenfalls wusste ich bei der Krebsdiagnose, was auch Louise Hay ähnlich ausdrückt: Ich habe keine Zeit und den Luxus/ das Privileg nicht mehr, mich selbst scheisse zu behandeln, abzuwerten, ständig zu kritisieren oder klein zu machen, oder mich nicht ernst zu nehmen. Ich kann meine Energien nicht länger damit verschwenden sie in destruktive Bahnen zu lenken. Damit ich gesund werden und überleben kann, muss ich auch meinen internen Dialog positiv und wertschätzend gestalten und somit ein gutes Klima in mir schaffen, indem ich heilen kann.

Wenn du an schwierigen Dingen arbeiten möchtest, würde ich vorschlagen du suchst dir einen guten Therapeut oder Therapeutin, bei dem du dich wertgeschätzt und gut aufgehoben fühlst und beginnst parallel dazu an deiner Selbstakzeptanz und deinem Mitgefühl zu arbeiten und zu meditieren.

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten liebevolle Achtsamkeit und Mitgefühl mit sich selbst zu kultivieren. In diesem Blog werde ich dazu noch ein paar Methoden, Lehrende,Videos und Vorträge vorstellen. Egal wie dich mehr und mehr akzeptieren lernst – Hauptsache du tust es!

Ressourcen

Ajam Brahm (2016): Öffne die Tür zu deinem Herzen.die kleine Schule der liebevollen Achtsamkeit, Lotus Verlag, München

Ajam Brahm (2016): Kindfulness. Don’t just be mindful, be kindful, wisdom publications, Somerville, Massachusetts USA

Ein Auszug von Texten von Ajahn Brahm (Englisch)

Tara Brach – radical acceptance revisited – toller Vortrag (Englisch)


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