Wie Achtsamkeit mir geholfen hat mit meiner Krebserkrankung umzugehen und zu heilen – Teil 2 – die Haltung macht’s

Schon bevor ich krank wurde, war ich mir als Sozialarbeiter der Wichtigkeit oder des „Um und Aufs“ einer Haltung bewusst. Es war mir klar, dass es um ein guter Sozialarbeiter zu sein, weniger darauf ankommt, schon alles zu wissen oder irgendwelche Gesprächstechniken richtig einzusetzen, sondern dass es darum geht, Menschen mit einer gewissen Haltung entgegenzutreten. Dies beeinflusst den gesamten Arbeitsprozess.
Deswegen finde ich es sehr spannend, dass auch Jon Kabat-Zinn von der Bedeutung der Haltung/der inneren Einstellung für den sogenannten „Erfolg“ von Achtsamkeitspraxis spricht.

Er vergleicht Achtsamkeit mit der Erde, in die wir die Samen von z.B. Gedanken beruhigen, Entspannung finden, klar sehen und denken, und vielleicht auch einem Gefühl inneren Friedens und Glücks, setzen. Diese Samen werden nur aufgehen, wenn wir die Erde richtig und regelmäßig pflegen. Für das Wachstum des Samens „Entspannung“, müssen wir unsere Erde beispielsweise durch „keine Erwartungen haben“ düngen. Diese Metapher der Samen säen kommt auch bei den Lehren von Thich Nhat Hanh oder Louise Hay vor. Jon Kabat Zinn verweist dabei auf sieben Grundhaltungen, die unserer Achtsamkeitspraxis innewohnen:

Sieben Grundhaltungen nach Jon Kabat-Zinn

Nicht-Urteilen

Unser Verstand hat die Eigenschaft alles zu klassifizieren und zu beurteilen. Dies ist auch prinzipiell eine nützliche Eigenschaft. Bei der Achtsamkeitspraxis geht es aber darum, diese Beurteilungen zu erkennen und so mit etwas mehr Distanz eine neue Perspektive zu gewinnen und aus automatisierten Gedanken auszusteigen. Es geht nicht darum, nicht mehr zu denken, sondern uns unserem Denken und Urteilen einfach bewusster zu sein.

Geduld

Geduld ist eine Form von Weisheit, eine Art inneren Wissens“ (Kabat-Zinn 2013: 70). Dieses Zitat ist so weise. Besonders wenn unsere Gedanken nicht aufhören wollen, oder alte Muster wiederkehren oder schwierige Emotionen immer wieder hochkommen, besteht kein Grund zur Ungeduld. Indem Moment, wo etwas in unser Bewusstsein tritt, ist es Teil des gegenwärtigen Moments und damit Teil unseres Lebens. Der Gedanke diesen Moment überwinden zu wollen um zu einem besseren Moment zu kommen, widerspricht bereits der Achtsamkeitspraxis. Es geht nicht darum wo hinzukommen, sondern mit Geduld sich selbst zu erlauben, dass alles sein darf, wie es ist.

Den Geist des Anfängers bewahren

Achtsamkeit entsteht, wenn wir Dinge so betrachten, als würden wir etwas zum ersten Mal sehen/wahrnehmen. z.B. beim achtsamen Essen eine Rosine so betrachten, als ob wir noch nie eine gesehen hätten. Es hilft uns frei von Erwartungen zu sein und in den Moment zurückzukommen. Auch wenn wir z.B. zum hundertsten Mal eine Bodyscan Meditation machen, hilft es uns Neues zu entdecken, wenn wir uns diesen Geist vergegenwärtigen.

Vertrauen

Ein Teil von Achtsamkeitspraxis und Meditation ist es, mehr und mehr in Kontakt mit seinen eigenen Gefühlen, Gedanken und sämtlichen Anteilen zu kommen. Den eigenen Gefühlen und deren Richtigkeit zu vertrauen, ist eine wichtige Grundhaltung der Meditation. Besonders beim Yoga Beispielsweise ist es für die meisten Menschen nicht möglich alle Übungen so auszuführen, wie dies von der anleitenden Person, gezeigt wird. Yoga ist deswegen eine gute Möglichkeit sich mit dem eigenen Körper und den verschiedenen Stellen und deren momentanen Zustand anzufreunden. Man darf Positionen beenden oder leichter machen, oder nur soweit ausführen, wie sie angenehm sind und dem momentanen Zustand gut tun.

Nicht-Erzwingen

Meditation ist „aktives Nicht-Tun. Das einzige »Ziel« des Meditierenden ist, er selbst zu sein.“ (ebenda: 73). Wenn wir mit Erwartungen wie „ich will Erleuchtung erfahren“ oder „ich will weniger Schmerzen haben“ oder „ich will mich entspannen“ in eine Meditationssitzung gehen, schafft dies Druck und verhindert genau das, was wir anstreben: Achtsam zu sein, uns gewahr zu sein, dem was ist.

Akzeptanz

Akzeptanz bedeutet, die Gegenwart so zu nehmen, wie sie ist. Egal ob wir eine Krebsdiagnose bekommen haben, Kopfschmerzen haben oder nach einem Streit wütend auf eine andere Person sind. Das was Jetzt ist, ist in diesem Moment sowieso. Dagegen anzukämpfen ist sinnlos. Prozesse des Widerstandes sind normal und menschlich. Es geht bei Achtsamkeit dann darum, etwas schneller diesen Widerstand abzubauen und sehen zu können, dass das was ist, sowieso schon ist.

Loslassen

„Loslassen heißt zulassen“ (ebenda: 76) Oftmals bekommen wir so etwas gesagt wie „Ach,lass doch einfach los.“oder „Lass diesen Gedanken los“. Das ist eben nicht so einfach, da unser Verstand die Angewohnheit hat, sich an Gedanken, Ideen und Konzepte anzuhaften. Ich finde es ein tolles Bild, dass der erste Schritt zum Loslassen, das Zulassen ist, also das zu akzeptieren, was sowieso schon da ist. Mit Achtsamkeit lernen wir uns mit dem Festhalten und Nicht-Loslassen-Können genauer auseinanderzusetzen.

Achtsamkeitspraxis – meine Erfahrungen

Jon Kabat-Zinn verweist darauf, dass es neben der richtigen inneren Einstellung auch darauf ankommt diszipliniert und regelmäßig zu meditieren und Achtsamkeit zu üben. Er spricht davon, dass Achtsamkeit zu entwickeln „harte Arbeit“ ist, auch wenn die Arbeit darin besteht „nichts“ zu tun. Die Mitarbeiter_innen der MBSR Klinik erklären den teilnehmenden Menschen, dass die notwendige Disziplin, mit der Disziplin eines Spitzensportler/einer Spitzensportlerin zu vergleichen ist. So wie eine Athletin jeden Tag trainieren muss, um erfolgreich zu sein, so brauchen auch wir alle regelmäßiges Training in Form von Meditation. Egal ob wir gerade Lust haben, oder einen guten oder schlechten Tag, es geht darum Meditation und Achtsamkeit in den Alltag einzubauen und regelmäßig durchzuführen, genauso wie sich etwas zu kochen, sich zu waschen oder die Zähne zu putzen.

Ich z.B. habe es mir zur Angewohnheit gemacht jeden Morgen 20-30 Minuten zu meditieren. Dabei mache ich verschiedene Dinge. Entweder 30min achtsames Yoga, oder ich mache eine angeleitete Sitzmeditation, oder (momentan in der dunklen Jahreszeit oft) höre ich eine Meditation im Liegen noch im Bett, und starte so langsam in den Tag. In der Früh funktioniert das bei mir sehr gut, da ich mir momentan ja noch meinen Tag frei einteilen kann und somit genug Zeit habe. Wenn man früh in der Arbeit sein muss, kann das vielleicht schwieriger sein.

Manchmal meditiere ich aber auch am Abend. Meine Aufmerksamkeit ist jedoch abends nicht so groß. Wenn der Tag irgendwie stressig war, merke ich oft, dass ich dann Lust habe vor dem Computer irgendetwas zu schauen und mich berieseln zu lassen. Ich versuche, dann in mich zu gehen was ich jetzt wirklich sehen will. Manchmal sehe ich mir dann einen Vortrag oder Doku über etwas das mit Spiritualität, Achtsamkeit oder Meditation, in Zusammenhang steht, an. Manchmal auch Serien oder Filme. Ich versuche aber dann zu spüren, ob es mir jetzt wirklich etwas gibt, und schalte dann manchmal auch aus, wenn mich die Sendung in Wirklichkeit nur halb interessiert.

Manchmal macht mich etwas so unrund, dass ich es schaffe, auch am Abend noch einmal zu meditieren. Es ist dann ein sehr starkes Gefühl, wenn ich sehe, dass ich mich entscheiden konnte aktiv etwas für mich zu tun, anstelle vor dem Computerbildschirm zu versinken. Oftmals gelingt es mir eh auch nicht, dann versuche ich liebevoll mit mir zu sein und mir zu vergeben, dass ich nicht perfekt bin und denke mir, ich werde mir am nächsten Tag in der Früh Zeit nehmen.

Eine Möglichkeit achtsam zu sein ist es auch, sich für das Essen wirklich Zeit zu nehmen und keine Ablenkungen dabei zu haben. Ich versuche möglichst oft ohne Radio, Handy oder sonstige Ablenkungen mich einfach 10 oder 15 Minuten nur auf das Essen zu konzentrieren. Wobei ich auch hier nicht so streng bin, und manchmal gerne einfach Radio in der Früh zum Frühstück höre. Wichtig ist mir, zumindest eine Mahlzeit am Tag achtsam zu essen.

Von der Praxis zum Alltag

Mit der Zeit wirst du merken, dass sich ein achtsamerer Fokus immer mehr in deinen Alltag einschreibt. Wir können ja prinzipiell immer achtsam sein. Wenn du in der U-Bahn sitzt, kurz die Augen zu machst und dich zwei Atemzüge lang nur auf den Atem konzentrierst: Voila, das waren 20 Sekunden Achtsamkeitspraxis. Wenn wir uns beim Geschirr abwaschen 30 Sekunden lang nur auf die Gefühle und Bewegungen des Abwaschens konzentrieren: Gratuliere, das war Achtsamkeit. Wenn wir nachdem wir ein paar Minuten in einer Geschichte im Kopf-Kino drinn stecken, entdecken, dass wir seit mehreren Minuten nur im Kopf-Kino und nicht in der Realität leben und einen bewussten Atemzug nehmen. Gratuliere! Das ist bereits Achtsamkeit!

Diese simple Tatsache kann einiges verändern. Es war für mich wirklich wichtig zu erkennen, dass ich mit meiner Atmung oder dem Fokus auf das Hier und Jetzt aus Dauer-Angst-Schleifen rund um Krebs und Krank-sein und Sterben und Zukunftsängsten, zumindest kurz einmal aussteigen kann. Mit der Zeit und je nachdem wie viel Fokus und Konsequenz ich in die Praxis lege, merke ich dass dies leichter oder auch wieder schwieriger gelingt.

Ich kann mich erinnern, dass der schönste Moment meines Urlaubs in Katalonien im Sommer 2016 war, als ich in unserer (sehr einfachen) Unterkunft am Strand die Gemeinschaftsküche geputzt habe. Eines Nachmittags waren alle Bewohner_innen weg und ich war zwei Stunden lange damit beschäftigt achtsam zu putzten. Ich war wirklich einfach in der Laune die Küche eines 5 Zimmer umfassenden „Minihostels“ von Grund auf zu reinigen (und ich habe keinen Putzfimmel). Es war September und so habe ich die vergammelten Reste einer ganzen Sommersaison weggeworfen. Ich habe alle Kästchen ausgewischt, übrig gebliebene Lebensmittel sortiert, Utensilien richtig eingeordnet und war in diesem Moment einfach nur glücklich diese Tätigkeiten zu verrichten. Ich glaube dass ein anderes Wort für so einen achtsamen Zustand auch „Flow-Zustand“ ist, wenn Menschen in einer Tätigkeit voll aufgehen und eine Zeit lang die Welt um sie herum vergessen und einfach im Moment sind.

Fazit

Wie auch immer du Achtsamkeit und Meditation in dein Leben integrieren willst. Es ist wichtig es regelmäßig zu tun und dran zu bleiben. Meditation ist kein Wundermittel, bei dem nach zwei oder drei Sitzungen irgendwelche Wunder passieren. Aber durch die kontinuierliche Praxis entsteht langsam aber stetig eine Veränderung in deinem Bewusstsein, bzw. auch physisch in deinem Gehirn und auch in messbaren physiologischen Bereichen (darauf werde ich noch näher eingehen).

Ich empfehle dir mit Anleitungen wie Hörbüchern oder auf youtube oder einer Achtsamkeits-app zu arbeiten – mit einer Person und Stimme, die für dich angenehm ist. Einige Vorschläge werde ich in den nächsten Artikeln geben. Ich hoffe, dass auf meiner Webseite Menschen dabei sind, die dich ansprechen.

Ressourcen

Kabat-Zinn, Jon (2013): Gesund durch Meditation: Das große Buch der Selbstheilung mit MBSR. Knaur Menssana, München


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