Den Körper bei der Selbstheilung unterstützen. Wie funktioniert das eigentlich? Teil 2

20160522_200756
(c) Christine Brameshuber

Die Stress- und Entspannungsreaktion – ein grundlegender Mechanismus im Körper

Falls du Teil 1 dieses Artikels noch nicht kennst, klicke hier.

Dass Stress krank machen kann, ist heute eine Binsenweisheit. Das war jedoch nicht immer so, zumindest in der westlichen Medizin. Lissa Rankin verweist auf den Verdienst von Menschen wie Herbert Benson, einem Kardiologen in Harvard, der erstmals zu untersuchen begann, was und warum im Körper passiert, wenn Menschen meditieren. In diesem Zusammenhang prägte er den Begriff „Entspannungsreaktion“ (Rankin 2014: 215).

Heute wissen wir, dass der Körper sowohl über Entspannungsreaktionen als über eine Stressreaktion / oder „Kampf-oder-Flucht-Reaktion“ verfügt. In einer bedrohlichen Situation aktiviert der Körper einen „Überlebensmechanismus“, bei dem das sogenannte sympathische Nervensystem aktiv wird, was eine Reihe von chemischen Prozessen im Körper auslöst. In Anlehnung an die beteiligten Körperteile und Organe wird das von Mediziner_innen auch Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse / HHN-Achse genannt (ebenda 49). Durch dieses komplexe System werden im Körper in hohem Ausmaß Hormone und Stoffe wie Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet. Diese Hormone bewirken unter anderem (ebenda: 130f.):

  • Pulsschlag und Blutdruck erhöhen sich
  • das Herz, große Muskelgruppen und Gehirn werden stärker, der Magen-Darm-Trakt schlechter durchblutet
  • die Stoffwechselrate erhöht sich. Es wird mehr Glukose freigesetzt, um dem Körper mehr Energie zur Verfügung zu stellen.
  • Der Atemrhythmus beschleunigt sich, damit wir mehr Sauerstoff aufnehmen
  • die Muskelspannung erhöht sich
  • Verdauungsenzyme werden zurückgefahren
  • das Immunsystem und Sexualorgane werden heruntergefahren

Alle diese Reaktionen dienen dazu, den Körper für kurze Zeit „kampfbereit“ zu machen, um einer potenziell bedrohlichen oder tödlichen Situation zu entkommen.

Ein „Problem“ in unserer heutigen Welt ist, dass wir, obwohl unser Überleben nur selten bedroht ist, trotzdem viel Stress haben und dieser eine Stressreaktion im Körper auslöst. Grund dafür ist unser Gehirn. Lissa Rankin erklärt in ihrem Buch, dass unser rationaler Verstand im Vorderhirn angesiedelt ist und weiß, dass Gefühle wie Verunsicherung, Angst, Enttäuschung, Groll oder Verbitterung einfach Gefühle sind, die eventuell mit gewissen Lebenssituationen in Verbindung stehen. Jedoch gibt es in unserem Gehirn auch einen anderen Anteil am Hirnstamm, welches als „Reptiliengehirn“ bezeichnet wird. Dieses „kann nicht zwischen einem abstrakten Angstgedanken und einer wirklichen Bedrohung für Leib und Leben unterscheiden. Es glaubt, dass wir unmittelbar vom Tod bedroht sind, und löst eine Stressreaktion aus, die uns in den Kampf-oder-Flucht-Modus versetzt, die HHN-Achse aktiviert, das Immunsystem deaktiviert und uns bereit macht, vor der Gefahr davonzulaufen“ (Rankin 2014: 129). Auf diesen Umstand weist auch Jon Kabat-Zinn in seinem Buch „Gesund durch Meditation“ hin. Er weist darauf hin, dass Stress oft damit zu tun hat, wenn unser sozialer Status, unser Selbstbild, oder das Bild, das wir anderen Menschen von uns vermitteln möchten, bedroht wird, oder eben allein das Gefühl da ist, dies wäre bedroht (vgl. Kabat-Zinn 2013: 304).

Ebenso kann der Körper durch das parasympathische Nervensystem diese Reaktionen rückgängig machen, um sich wieder in den normalen und entspannten Zustand zu versetzen, in dem das Immunsystem arbeiten kann. Hier kommt ins Spiel, was auch ich durch meine Krankheit entdeckt habe: Je mehr der Körper entspannt ist und je mehr Dinge ich tue, die im Körper eine Entspannungsreaktion auslösen, desto mehr kann sich der Körper ans „Aufräumen“ machen, Dinge reparieren /sich selbst heilen.

Besonders hervorzuheben ist hier, dass positive Gedanken und Gefühle wie beispielsweise Liebe, Zugehörigkeit, emotionale/physische/sexuelle Nähe, Zeit mit Freund_innen, Glück und Hoffnung ebenso Einfluss auf unser Gehirn und damit die Auslösung von Entspannungsreaktionen haben. Insofern bestehen laut Lissa Rankin wenig Zweifel, dass positive Gedanken und eine positive Beeinflussung unseres Umfeldes und unserer Lebenssituation sowie unserer geistigen Verfassung „heilend“ für den Körper sind. Es geht also nicht um ein „Hokus Pokus“, sondern um physiologische Prozesse im Körper (ebenda: 131f.). Jon-Kabat Zinn Lebenswerk wiederum ist es zu zeigen, wie Meditation und Achtsamkeit ein enorm machtvolles Werkzeug sein kann, diese körperlichen Prozesse zu beeinflussen und mit Stress besser und gesünder umzugehen.

Weniger Stress – mehr Gesundheit

Aufbauend auf dieser Prämisse stellt Lisa Rankin ein ganzheitliches System von Gesundheit auf und bietet an, Maßnahmen in diesen diversen Bereichen als gesundheitsfördernd zu verstehen. Es geht meiner Ansicht nach darum, ein Klima in und um uns zu schaffen, dass positiv ist und Heilung fördert. Nach Rankin gehört dazu:

  • gesunde und positive, unterstützende Beziehungen mit anderen Menschen
  • kreative Ausdrucksmöglichkeiten, egal ob es malen, singen, musizieren oder kochen,
  • basteln, bauen, dekorieren oder stricken ist
  • eine gesunde und lebensbejahende Spiritualität
  • ein gesundes und erfülltes Sexualleben
  • materielle Sicherung, sodass Geld kein Stressfaktor ist
  • eine gesunde Umwelt und Umgebung
  • eine gesunde mentale und emotionale Einstellung, die einen guten Umgang mit Ängsten, Sorgen und Problemen ermöglicht
  • ein von Dankbarkeit, Optimismus und Zufriedenheit erfülltes Leben
  • ein gesundheitsfördernde Lebensweise, mit Ernährung, Schlaf, Sport und Verzicht auf Gifte

Rankin hat noch ein komplexeres Modell in Form eines „Steinmännchen“ erarbeitet. Auf der Homepage des Kösel-Verlags, der die deutsche Version ihres Buches herausgegeben hat, kann dieses Modell sowie eine Anleitung für eine Selbstdiagnose heruntergeladen werden. Auf der Diagnose aufbauen, können Menschen sich dann auch ein eigenes „Rezept“ – also wie ein Rezept für ein Medikament schreiben.

Für mich ist das eine sehr schöne und gelungene Methode, die es ermöglicht, verschiedene Lebensbereiche gründlich nach gesundheitsförderlichen und hinderlichen Faktoren zu durchsuchen. Ich habe mich nach der Chemotherapie genau damit auseinandergesetzt möchte dieses „Tool“ zu einem späteren Zeitpunkt nochmal genauer vorstellen. Wenn du dich mit deinem Leben ganzheitlich auseinandersetzt, würde ich dir raten psychosoziale Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Es können in so einem Prozess viele Themen hochkommen, wo es besser ist nicht „allein″ oder auf eigene Faust herumzuwühlen.

Dieses Modell ist jedoch keineswegs eine einzigartige komplementärmedizinische Perspektive. Auch das Definition von Gesundheit, die offiziell von der WHO, der Weltgesundheitsorganisation seit 1946 vertreten wird, lautet: „Die Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.″.

~

Was bedeutet das für mich?

Wenn ich ein Gesundheitsmodell entwickeln würde, würde ich es wahrscheinlich ein Stück anders gewichten und benennen als Lissa Rankin, und vor allem Meditation und Achtsamkeit als Sockel fundieren. Über Forschung zur Wirksamkeit von Meditation wird bald einen eigenen Artikel geben. Es ist auch nicht wichtig, irgendein Modell genau so wie es ist als „wahr“ oder „richtig“ anzuerkennen. Es geht darum, dass wir auf allen Ebenen etwas für ein zufriedenes und glückliches Leben tun können, und damit auch möglichst gesund zu sein.

Mich hat es jedenfalls motiviert während und nach der Chemotherapie sehr konsequent bei Selbstfürsorge, Meditation und allen möglichen Tools zu blieben, die mir guttun und die mich entspannt halten. Ich möchte aber auch sagen, dass ich natürlich trotzdem immer wieder gestresst war und bin. Ich kenne es nur zu gut, wenn ich irgendwas im Körper wahrnehme und eine Angst oder Panikreaktion auftaucht mit Gedanken wie „Was, wenn wieder Krebszellen wachsen?“ oder „Ist da irgendetwas komisch/ vergrößert?“ und ähnliches. Es geht also nicht darum in Panik zu verfallen, wenn wir in Angst/ Stress oder Panik sind. Das Leben ist immer wieder stressig und es kommen verschiedene „stressige“ Gefühle und Zustände auf. Es geht für mich darum konsequent etwas zu tun, das uns gut tut und entspannt und somit unsere Fähigkeit mit Stress umzugehen erhöht, bzw. die Stressreaktion schneller beendet.

Zum Beispiel ist diese Webseite zu gestalten sehr aufregend und immer wieder richtig stressig! Vielleicht schreibe ich dazu bald einen eigenen Artikel. Verschiedene Leute haben mich darauf hingewiesen, dass auch bei Stress immer differenziert werden muss, wie er emotional aufgeladen ist und dass nicht jeder Stress/ jede Anstrengung gleich negativ sein muss. Es geht einfach prinzipiell darum ein möglichst entspanntes und ausgeglichenes Leben zu führen. Für Menschen nach einer Krebserkrankung wie mich ist das einfach noch (lebens-)wichtiger, als für andere, aber nicht grundsätzlich anders.

Auch bin ich der Meinung, dass klar wird, wie wichtig Gemeinschaft, Unterstützung und Zusammenhalt in so einem Modell sind. Wenn wir selbst möglichst gesund sein wollen, brauchen wir auch gesunde Gemeinschaften, Gesellschaften und eine gesunde Umwelt, einen gesunden Planeten.
Wir wissen aus unzähligen Studien, dass beispielsweise Diskriminierung, Armut und Gewalt strukturell wirken und betroffene Menschen krank machen können. Insofern hat mich meine Erkrankung noch mehr darin bestärkt, dass wir als Menschheit das Ziel und Aufgabe haben, eine bessere Welt für uns selbst und alle Mitmenschen zu erschaffen.

Damit wir in der Welt etwas bewegen können, müssen wir uns aber zunächst selbst stärken. Es gibt zwei Bilder, die mir dazu einfallen. Eines habe ich von Waltraud Eggenberger gehört, einer Energetikerin mit der ich lange gearbeitet habe. Sie hat mir gesagt; ich kann andere Menschen nur dann aus einem Sumpf ziehen, wenn ich selber nicht auch darin feststecke. Aus der Traumapädagogik kenne ich das Bild der Sauerstoffmasken wie im Flugzeug. Wenn ich traumatisierte Menschen unterstützen will, muss ich mir zuerst selbst die Sauerstoffmaske aufsetzen, also mich um mich selbst kümmern und sorgen. Sonst kann ich nicht unterstützend sein.

Besonders wenn du eine schwierige Erkrankung / Krebs hast oder hattest, kümmere dich gut um dich! Das hat für mich nichts mit Egoismus zu tun, sondern mit Wertschätzung dir selbst gegenüber. Wenn ich die letzten zwei Jahre mich nicht so viel um mich selbst gekümmert hätte und diesen Weg gegangen wäre, würde ich vielleicht nicht diesen Artikel schreiben und somit auch weniger in der Welt bewegen.

Vielleicht bietet dir Lissa Rankins Fragebogen oder die kommenden Artikel dazu ein paar Ideen!

Ressourcen

Rankin, Lissa Dr. med (2014): Mind over medicine. Warum Gedanken oft stärker sind als Medizin. Kösel-Verlag, München, 3. Auflage

Download des Fragebogens zur Diagnose der eigenen Lebenssituation und Möglichkeit sich selbst ein „Rezept“ zu schreiben.

Tedx Vortrag von Lissa Rankin: Is there scientific proof we can heal ourselves?

Kabat-Zinn, Jon (2013): Gesund durch Meditation. Das große Buch der Selbstheiliung mit MBSR, Knaur Menssana, München


2 Gedanken zu “Den Körper bei der Selbstheilung unterstützen. Wie funktioniert das eigentlich? Teil 2

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s