Finanzielle Ressourcen für Menschen mit einer (Krebs-)erkrankung und die Frage nach Sinn und „Arbeiten“

materielle sicherung

„Ohne Gödka Musi“
österreichisches Sprichwort

Einleitung

An mehreren Stellen dieses Blogs schreibe ich darüber, wie Stressreaktionen das Immunsystem außer Kraft setzen und Entspannung und Ruhe eine für mich essenzielle Bedingung für Genesung und Heilung darstellen. Eine chronische oder schwere Krankheit zu haben, ist schon für sich, sehr belastend. Wenn dazu noch Stress kommt, wie es sich ausgehen kann über die Runden zu kommen, ist das natürlich ein belastender Umstand um gesund zu werden. Ich staune immer wieder, wenn ich lese, dass Krebspatient_innen in den USA teilweise noch mit ihrer Krankenversicherung darum streiten müssen, ob die, für sie vorgesehenen Maßnahmen und Chemotherapien, bezahlt werden oder nicht. Das stelle ich mir unglaublich Kraft raubend vor. Kraft, die eigentlich für etwas anderes benötigt wird. In dieser Hinsicht bin ich extrem dankbar dafür in Österreich zu leben, mit einem sehr gut ausgebauten Gesundheitssystem.

Wir wissen aus unzähligen Untersuchungen, dass Armut mit einem schlechteren Gesundheitszustand zusammenhängt. Aber als Sozialarbeiter habe ich auch oft erlebt wie viel Stärke Menschen, die von Armut und Ausgrenzung betroffen sind, aufbringen und trotz schwieriger Bedingungen unglaubliches schaffen können.

Meine Motivation diesen Artikel zu schreiben, ist einerseits darauf hinzuweisen, dass ich mir der strukturellen Ungleichheit in der Welt und Gesellschaft bewusst bin. Die meisten Menschen (mich eingeschlossen) können erst dann „eine Stufe tiefer in sich gehen“, wenn der Alltag geklärt ist.
Ich kann so diese Webseite schreiben, weil ich in der glücklichen Lage bin, vor meiner Erkrankung Vollzeit als Sozialarbeiter gearbeitet zu haben und deswegen momentan für mich ausreichend Rehabilitationsgeld zu bekommen. Ich bin mir bewusst, dass es viele Menschen gibt, die nach einer Erkrankung in einer anderen beruflichen und finanziellen Situation sind, die im realen Leben viele Herausforderungen nach sich zieht. Wichtig ist es dann zu wissen, dass es immer Stellen gibt, die einem weiterhelfen können, kein Mensch muss mit belastenden Situationen allein bleiben!

Viele alternative oder komplementär-medizinische Angebote oder Therapien kosten viel und stehen somit eher/ausschließlich Leuten zur Verfügung, die mehr Einkommen haben. Aber die gute Nachricht ist, dass wir alle Vieles tun können, das gar nichts kostet, wie etwa Meditation zu lernen, Achtsamkeit zu praktizieren, spirituelle / motivierende Bücher oder Hörbuchen zu lesen/ zu hören, vegetarischer/gesünder / mehr (selbst) zu kochen und vieles mehr.

1. Materielle Ressourcen für Krebs Betroffene

Wenn du in einer finanziell angespannten Situation bist oder durch deine (Krebs-)Erkrankung Fragen oder Unsicherheiten bezüglich deiner beruflichen Situation hast, würde ich raten eine spezielle Beratungsstelle / Sozialarbeiter_innen aufzusuchen und dich unterstützen zu lassen. Ich bin in Wien zur Beratungsstelle „Krebs und Beruf“, der Krebshilfe Wien gegangen und habe mich dort über sozialversicherungsrechtliche Fragen informiert. Ebenso gibt es diese sehr hilfreiche Broschüre. Damit du einen Überblick bekommst, welche Dinge man in Österreich in Anspruch nehmen kann, habe ich hier aber auch die wichtigsten Informationen in Kürze zusammengefasst.

Krankengeld
In Österreich haben Arbeitnehmer_innen für sechs Wochen Anspruch auf Entgeltfortzahlung durch die Arbeitgeber_innen. Danach besteht für weitere sechs Wochen ein Anspruch auf die Hälfte des Lohns. Um den Lohnausfall auszugleichen, haben Arbeitnehmer_innen (unter gewissen Voraussetzungen) Anspruch auf Krankengeld über einen Zeitraum von 26 Wochen oder 52 Wochen, abhängig vom Versicherungszeitraum. Das Krankengeld muss bei der zuständigen Krankenkasse beantragt werden. mehr Infos

Der „Begünstigt behindertenStatus
Menschen mit Krebserkrankung wird in der Regel ein Grad der Behinderung von 50 % zuerkannt, was die Voraussetzung für den Status als „begünstigt behinderter“ Mensch ist. Damit sind mehrere arbeitsrechtliche Vorteile (z. B. ein erhöhter Kündigungsschutz) verbunden. Ebenso kann ein Behindertenpass beantragt werden, was in verschiedenen Bereichen Vergünstigungen bringt.
Die Beantragung macht aus meiner Sicht für Krebspatient_innen Sinn – ich habe es gemacht. Es bietet einfach eine größere Absicherung. Je nachdem in welcher Branche Menschen arbeiten, herrschen menschlichere/ unterstützendere oder auch recht raue Bedingungen vor. Ich weiß von einem Gespräch mit einer Psychoonkologoin, dass in ihrer Erfahrung besonders Arbeiter_innen schneller gekündigt werden, wenn Arbeitgeber_innen von einer Krebsdiagnose erfahren.
Bei der Arbeitssuche stellt sich ebenso immer die Frage, wie bei Bewerbungen mit der eigenen Erkrankung oder Behinderung umgegangen wird. Arbeitgeber_innen (zumindest bei größeren Unternehmen) werden bei der Lohnverrechnung über den begünstigt Behindertenstatus informiert und erfahren somit ohnehin wer den Status hat. Es ist wahrscheinlich wiederum recht branchenabhängig, wie offen Arbeitgeber_innen mit Menschen mit Behinderungen oder diesem Status sind. Er kann mit einem Antrag wieder zurückgelegt werden, wenn mensch das Gefühl hat, es würde bei der Jobsuche negative Konsequenzen haben. Auch hier ist Beratung in Anspruch zu nehmen immer hilfreich. Die zuständige Stelle für die Beantragung ist das Bundessozialamt. mehr Infos

Berufsunfähigkeitspension, Rehabilitationsgeld
Wenn bei einer/deiner Erkrankung abzusehen ist, dass sie die Bezugsdauer des Krankengeldes übersteigt, und keine Arbeitsfähigkeit in Bälde vorliegen wird, kann man Berufsunfähigkeitspension beantragen und bekommt, bei Vorliegen der Voraussetzungen, Rehabilitationsgeld. Dieses solltest du rechtzeitig (6 Monate vor Ablauf des Krankengeldes) bei der Pensionsversicherungsanstalt beantragen. Du wirst irgendwann dann zu einer ärztlichen Begutachtung eingeladen, wo festgestellt wird, wie es mit der Arbeitsfähigkeit aussieht. Ich bekomme derzeit noch das Rehabilitationsgeld, welches in der Höhe des Krankengeldes ausbezahlt wird. Beziehen Menschen Rehabilitationsgeld, gibt es regelmäßige Treffen mit dem Case Management, das Menschen Unterstützung anbietet.

Weiteres gibt es natürlich immer die Möglichkeit Bedarfsorientierte Mindestsicherung zu beziehen, wenn das Einkommen aus Krankengeld unter dem Mindestsatz für Einzelpersonen, Lebensgemeinschaften oder Familien liegt.
Ebenso gibt es viele weitere Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung, wie die Rezeptgebührenbefreiung, Befreiung von den Rundfunkgebühren oder die Wohnbeihilfe.
Sollten aufgrund einer neuen finanziellen Situation Schulden Thema sein gibt es in Österreich 28 staatlich anerkannte Schuldenberatungsstellen, wo ausgebildete Sozialarbeiter_innen unterstützen.

Lange Rede kurzer Sinn: Bei aller Spiritualität und/oder Maßnahmen zur Heilung und persönlichen Weiterentwicklung; die Grundbedürfnisse müssen mal gedeckt sein. Es gibt viele Möglichkeiten sich beraten und unterstützen zu lassen. Ich weiß, dass ich – obwohl ich mich als Sozialarbeiter eigentlich mit sozialen Ansprüchen recht gut auskenne – in der Situation einfach keine Kapazitäten hatte, mich mit Fragen rund um Arbeit, Krankenstand oder gar Pension oder dem begünstigt behinderten Status auseinanderzusetzen. Ich fand es sehr hilfreich zu einer Beratungsstelle gehen zu können und mir die für mich relevanten Informationen zu holen.
Unterstützung zu holen/ zuzulassen ist ein Ausdruck von Selbstliebe. Auch bei materiellen Fragen – du bist nicht allein und musst Sorgen und Ängste nicht alleine tragen!
Auf der gesellschaftlichen Ebene müssen wir uns darüber klar sein, dass je mehr Armut und soziale Ausgrenzung bekämpft wird, desto mehr das direkt einen positiven Einfluss auf den Gesundheitszustand der Menschen hat. Es geht aber bei Arbeit oder Einkommen nicht nur um den finanziellen Aspekt, sondern auch um einen sozialen, um soziale Anerkennung, Teilhabe und Mitgestaltungsmöglichkeiten. Deswegen möchte ich auch noch ein paar Gedanken zum Thema Arbeiten hier vorstellen.

2. Von Arbeiten und Sinn im Leben finden

Ich bin, wie die meisten Menschen in unserer Leistungsgesellschaft groß geworden und habe meine Identität, Selbstwert und Lebenssinn sehr stark darauf aufgebaut, was ich tue und arbeite. Obwohl ich als Sozialarbeiter gelernt habe, diesen Leistungsgedanken kritisch zu hinterfragen, war er doch tiefgründig in mir eingeschrieben. So konnte ich mir nach meiner Diagnose nur schwer und langsam klar machen, dass ich sehr lange nicht arbeiten können werde und jetzt meine „Arbeit“ oder „Aufgabe“ einfach darin besteht, zu überleben.

Wenn du mit Krebs lebst, aber auch bei anderen Lebensumständen, kann es schwierig oder unklar sein, ob und in welchem Ausmaß oder welche Tätigkeiten für Lohnarbeit infrage kommen.
Durch meine Krebserkrankung habe ich gelernt, dass ich und wir alle einfach aufgrund unserer Existenz und Mensch-seins schon vollkommen genug sind. Wir müssen unseren Selbstwert und Lebenssinn nicht erst durch Arbeit oder Leistung erwerben und können das von innen heraus herstellen.

Weiters können wir uns gesellschaftlich auch fragen, was Arbeit eigentlich bedeutet. Dank vieler feministischer Arbeit und Forschung sehen wir heute, dass es neben Lohnarbeit, auch enorm viel an ungesehener / nicht wertgeschätzter Versorgungsarbeit gibt, wie Kinder/Alten/Krankenbetreuung, Kochen, Einkaufen, Putzen, Waschen, welche die klassische Lohnarbeit erst ermöglicht.

Ich möchte hier einen noch weiteren „Arbeits-“begriff vorstellen. Diese Webseite beschäftigt sich ja vor allem mit Achtsamkeit. Möglichst achtsam zu sein; für sich und andere Menschen Präsenz, liebevolles Mitgefühl, Verständnis und Respekt zu erzeugen, ist harte Arbeit. In vielen Momenten, die eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Gedanken nicht zu unterdrücken, sondern wahrzunehmen, zuzulassen und damit etwas zu tun, bezeichnet Jon Kabat-Zinn sogar als die härteste Arbeit der Welt.

Ich bin davon überzeugt, dass (schon allein aufgrund der Technologisierung und dem damit einhergehenden Verlust vieler Arbeitsplätze) es in Zukunft mehr und mehr wichtig wird, auch diese „innere“ Arbeit als Leistung und Arbeit anzuerkennen, genauso wie Lohnarbeit. Weiteres braucht natürlich auch Versorgungsarbeit wie Kochen, Putzen, sowie die Pflege und Erziehungsarbeit von Kindern oder pflegebedürftigen Menschen viel mehr Wertschätzung. Nur aufgrund dieser unbezahlten Arbeit ist das Ausüben von bezahlter Lohnarbeit erst möglich.
Und wie anders würde die Welt aussehen, wenn auch diese innere „Arbeit“ als Arbeit angesehen werden würde, und nicht nur das Verdienen von Geld oder Herstellen von Gütern (was natürlich weiterhin sinnvoll ist und bleiben wird). Es würde eine andere Welt sein, dessen bin ich mir sicher!

Also: Auch wenn wir z. B. keiner Lohnarbeit nachgehen (können), können wir allein durch unsere Präsenz sehr wichtige „Arbeit“ leisten. Wir können anderen Menschen einen Dienst erweisen und heilsam für sie sein. Wir können anderen Menschen zuhören, wir können andere Menschen inspirieren, indem wir authentisch sind, uns verletzlich zeigen und für unsere Gefühle und Gedanken Verantwortung übernehmen.

Und wir können diese Achtsamkeit natürlich auch in einer Lohnarbeit einsetzen. Eckhart Tolle beschreibt immer wieder, welche Freude es ist, in Kontakt mit Menschen zu sein, die bei ihrer Arbeit / Tätigkeit wirklich präsent sind.
Ich habe das auch unlängst erst gespürt. Ich bin bei einer mehrstündigen Busfahrt so entspannt gewesen, wie noch selten zuvor während einer Busfahrt. Der Busfahrer war einfach so authentisch, witzig und freundlich und jedes Mal, wenn er eine Station angesagt, oder die neu zugestiegenen Fahrgäste begrüßt hat, habe ich gespürt, dass er einfach mit sehr viel Freude, Liebe und Präsenz bei seiner Arbeit ist. Es war dann so angenehm und entspannend für mich in dem Bus zu sitzen und richtig erholsam.
Es sind eben oft diese Kleinigkeiten. Wir alle kennen es, wie ein Tag mühsam sein kann, wenn wir in der Früh in der Straßenbahn schon einen unguten Vorfall oder Streit oder eine unfreundliche Interaktion miterleben.

Also: Egal was wir tun: Wenn wir es achtsam tun, können wir uns und anderen Menschen große Dienste erweisen. Jeder kleine Beitrag hat große Auswirkungen. Egal ob und was du (lohn-)arbeitest oder tust, du als Mensch/ deine Präsenz sind ein wichtiger Beitrag für die Welt. Lasst uns in vielen kleinen Augenblicken, viel bewegen!

Ressourcen

Beratungsstelle „Krebs und Beruf“ in Wien

Broschüre: 100 Antworten auf ihre Fragen zum Thema Krebs und Beruf

www.schuldenberatung.at

www.help.gv.at
Nützliche Webseite für nahezu alle rechtlichen Fragen in Österreich


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